Der Name Kent Nagano scheint in Bad Kissingen eine große Sogwirkung zu haben. Oder war es das Deutsche Sinfonie-Orchester Berlin. Oder das klassisch-romantische Programm, das sich über Mendelssohn-Bartholdy hinaus nicht in gefährliche Bereiche begab? Vermutlich waren es mal wieder alle drei Gründe, die dafür sorgten, dass auch der Grüne Saal voll besetzt war. Oder war es gar die an Sonntagabenden übliche frühere Anfangszeit?

Wie dem auch sei, es war ein Konzert mit zwei Hälften. Gut, die erste begann mit einem kleines Schmankerl, der "Ouvertüre im italienischen Stil" von Franz Schubert, der als junger Mann mit seinen Freunden im damals grassierenden Rossini-Fieber gewettet hatte, dass er genauso komponieren könne wie der berühmte Mann aus Pesaro. Man kann es den Berlinern hoch anrechnen, dass sie gar nicht erst versuchten Schubert wie Rossini klingen zu lassen. Denn die Rigorosität des Klanges, die starken dynamischen Kontraste und die typischen schwungvollen Akzelerationen, wie man sie erst am Freitag beim Ural Philharmonic Orcjhestra hören konnte, hat er nicht. Dafür wurde etwas anderes deutlich: Schuberts Harmonien sind um einiges raffinierter.

Und dann kam der erste Teil - und der Amerikaner Emanuel Ax mit Mozarts Klavierkonzert G-dur KV 453. Also offen gestanden: Es fiel ein bisschen schwer nachzuvollziehen, warum Emanuel Ax in den Vereinigten Staaten geradezu Kultstatus besitzt. Er begann, als das Orchester seine lange Einleitung mit der Exposition der Themen gespielt hatte, eigentlich mit einem interessanten Ansatz, der einiges an kreativer Auseinandersetzung versprach. Aber der verlor sich sehr schnell. Und dann gibng es durch in gefälligem Wohlklang im permanten Mezzoforte mit einheitlichen Anschlag. Man hatte nicht den Eindruck, dass er hinter dem stand, was er spielte, dass er irgendetwas erzählen wollte. Er spielte zwar ausgezeichnet mit dem Orchester zusammen, aber achtete vor allem auf Schönklang. Nicht einmal in den Kadenzen ging er ein bisschen aus sich heraus. Was Ax da vermittelte, war ein Mozartbild, das vor 25 Jahren aus der Mode gekommen war Und man konnte dem Orchester nicht verübeln, dass es sich nicht mit ihm anlegte. (Chopin-Walzer sind als Konzertzugaben auch ein bisschen aus der Mode gekommen.)