Nach 40 Jahren geht Burkardroths "Herr der Rohre" im Herbst in Rente. Seit 1975 herrscht der gelernte Spengler und Installateur Norbert Krug (62) über die komplette Trinkwasserversorgung der Marktgemeinde und das 100 Kilometer lange Leitungsnetz in allen zwölf Ortsteilen.
Seit 1. Januar 1975 ist Krug der Gemeindewasserwart. Er weiß als einziger Mitarbeiter der Verwaltung ganz genau, wo die Frischwasserrohre unter den Straßen laufen.
"Besser als alle alten Pläne", scherzt Bürgermeister Waldemar Bug (ödp). Krugs baldiger Ruhestand ist auch ein Grund, weshalb die Gemeinde kürzlich die digitale Vermessung des kompletten Kanal- und Leitungssystems in Auftrag gab (wir berichteten).

Ungenaue Pläne

Wichtigster Grund ist allerdings die Ungenauigkeit der alten handgezeichneten Pläne, da punktuelle Rohrverlegungen gelegentlich nicht eingetragen wurden. Der erfahrene Wasserwart erinnert sich dann an Einzelheiten oft besser. Nein, ein Superhirn sei er nicht, winkt Krug bescheiden ab. "Ich war nur bei jedem Leitungsbau dabei."
Damals, als er vor 40 Jahren seinen Dienst aufnahm, hatte fast jedes Dorf noch seine eigene Wasserversorgung aus eigenem Brunnen. Das Leitungssystem und die baulichen Anlagen stammten aus den frühen 1920-er Jahren. Mit Krug begann ein neues Zeitalter. "Es musste dringend etwas gemacht werden." Wenige Jahre später wurden in allen seit der Gebietsreform vereinten Ortsteilen neue Leitungen gelegt und miteinander vernetzt.
Heute gibt es zwei Wasserversorgungsnetze: Neun Ortsteile und der Hauptteil von Burkardroth, also etwa 5500 Einwohner, werden von der Rhön-Maintal-Gruppe mit Trinkwasser versorgt. Nur ein Drittel von Burkardroth sowie die Ortsteile Stangenroth und Wollbach mit ihren 2000 Einwohnern sind an die gemeindeeigene Wasserversorgung aus vier Quellen angeschlossen.
Krugs Aufgabe als Gemeindewasserwart ist die Instandhaltung des kompletten Wasserrohrnetzes von der Quelle bis zum jeweiligen Hausanschluss. Er muss regelmäßig die Ortsnetze durchspülen, in dem er einfach die Hydranten öffnet und das Wasser laufen lässt, und die Dichtigkeit aller Leitungen prüfen. Einmal pro Monat misst er die Quellschüttung und alle drei Monate muss die Trinkwasserqualität überprüft werden.

Hygienevorschriften

Auch für den Hochbehälter mit dem darin gespeicherten Wasservorrat und für die Aufbereitungsanlage, die täglich kontrolliert werden muss, ist Krug verantwortlich. Dort fließt das Trinkwasser durch Ultrafilter und wird leicht gechlort. Waren beim veralteten Versorgungssystem Wartung und Reparatur Krugs wichtigste Aufgaben, ist es heute die Einhaltung der Hygienevorschriften. "Das war 1975 noch nicht so wichtig."
Heute benutzt Krug für seine Messungen und Prüfungen technisches Messgerät und Computersteuerung mit Touch-Screen. Vor 40 Jahren war dies anders. "Samstag war Badetag", erinnert sich Krug. An normalen Werktagen fiel der Wasserverlust nicht so auf, wenn irgendwo ein altes Rohr gerissen war. Wenn aber am allgemeinen Badetag in den Häusern kaum noch Wasser aus dem Hahn kam, wanderte Krug "fast jeden Samstag" oft stundenlang mit einem speziellen "Hörrohr" von Schieber zu Schieber auf der Suche nach der Bruchstelle. "Wenn es pfiff, wusste ich, wo ich ungefähr suchen musste."
Heute pfeift nichts mehr. Schuld sind die leisen Kunststoffrohre. Dafür hat Krug jetzt aber elektronisches Messgerät. Doch das ändert auch nicht viel: Immer noch muss Krug stundenlang nach der Schadstelle suchen. So ist vielleicht manches anders, aber nicht unbedingt besser, gibt der erfahrene Wasserwart zu verstehen. Bei jedem Rohrbruch wird er als Erster gerufen. Krug: "Meine Telefonnummer steht in der ‚Ortsschelle‘", dem Mitteilungsblatt der Gemeinde. "Ich bin Tag und Nacht einsatzbereit."

Wie ein neues Zeitalter

Für ihn und den Markt Burkardroth bricht im September nach vier Jahrzehnten wieder ein neues Zeitalter an: Norbert Krug wird sich endlich mehr um Haus und Hof kümmern können. "Schließlich bin ich gelernter Installateur." Sein Nachfolger wird sich über die neuen digitalisierten Pläne freuen und muss nicht bei seinem Vorgänger nachfragen. Aber sicher ist sicher: "Natürlich werde ich gern mit meinem Wissen zur Verfügung stehen", sagt der "Herr der Rohre".