Das gibt es halt immer noch, dass der David auch mal den Goliath besiegt - auch beim Kissinger Sommer. Beim zurückliegenden Wochenende war David eindeutig der Sieger. Denn nach drei Sinfoniekonzerten und drei Kammerkonzerten stand es eindeutig 0:3 für den musikalischen "Underdog".

Das Klavierduo Yaara Tal und Andreas Groethuysen nahm 1985, also noch ein Jahr vor dem Kissinger Sommer, seinen Betrieb auf, wurde seitdem - sehr schnell - eines der weltweit führenden Klavierduos und war erstaunlicherweise nicht ein einziges Mal beim Kissinger Sommer. Bis sie jetzt im Rossini-Saal auftauchten.

Und sie sind mittlerweile so unangefochten, dass die es sich gönnen, Kollegen mit ins Boot zu holen und damit in gewisser Weise auch Konkurrenz. Oder vielleicht, weil ie sich sagen, dass "nur Klavierduo" auf lange Sicht auch mal langweilig werden kann - zumindest für sie selbst. So waren dieses Mal zwei junge Musiker dabei, die mit dem Klavier eigentlich gar nichts zu tun haben: der Geiger und Bratscher Sergej Malov und die Cellistin Raphaela Gromes.

Und deshalb wich auch das ungewöhnliche Programm zwangsläufig vom Üblichen ab, denn die beiden Paare stellten sich zunächst getrennt vor. Natürlich eröffneten Yaara Tal und Andreas Groethuysen mit zwei Sätzen aus dem vierhändigen "Divertimento à l'hongroise" oder, wie Franz Schubert selber schrieb, "auf ungerische Art". Die beiden entwickelten in dem Scherzo und Allegretto-Finale eine köstliche Bildhaftigkeit, eine kleine, nicht ungemütliche Welt, spielten mit warmen Klangfarben, aber dennoch pointiert und ein bisschen swingend in langen dynamischen Bögen auf die Pointen hin. Mal klang's wie eine Spieluhr, mal wie eine Jagdgesellschaft - nicht allzu groß, mal wie ein ironisierter pathetischer kleiner Marsch. Das war heiterste Spielfreude pur, die sich sofort im ganzen Saal.

Beethovens Humor

Daran konnten Sergej Malov, jetzt als Bratscher, und Raphaela Gromes problemlos anknüpfen. Auch sie hatten ein Stück mitgebracht, das praktisch nie öffentlich gespielt wird, weil die Besetzung unpraktisch ist. Aber der Titel verrät, dass Beethoven durchaus Humor hatte, als er die zwei Sätze - es sollten ursprünglich vier werden - schrieb und ihnen den Titel gab: "Duett mit zwei obligaten Augengläsern". Der Titel verrät schon deshalb Humor, weil die Musik nicht gerade geringe virtuosen Anforderungen stellt, denen zwei ältere, kurzsichtige Herren, die man sich als Zielpersonen vorstellt, nicht so ohne weiteres gerecht werden können. Ein Eindruck, den Malov und Gromes ganz einfach dadurch verstärkten, dass sie das Tempo anzogen, wo es möglich und sinnvoll war, dass sie sich die motivischen Bälle zuwarfen, als wäre es nichts. Man kann auch über Klassik lachen.

Und dann kamen zwei Werke, die man in diesem Rahnen nicht erwarten würde: Franz Schuberts Sinfonie Nr. 7, die "Unvollendete" und Ludwig van Beethovens Sinfonie Nr. 5, die "Schicksalssinfonie" in der Besetzung für Klavier zu vier Händen, Violine und Violoncello. Das mag heute, im Zeitalter aller medialen Möglichkeiten erstaunen, war aber im 19. Jahrhundert eine beliebte Form, sich groß besetzte Musik ins Haus zu holen.

Ein rätselhafter Mensch

Aber auch jetzt war das eine echte Entdeckung. Carl Burchard war der Bearbeiter der beiden Sinfonien - ein rätselhafter Mensch, von dem man nicht einmal die genauen Lebensdaten kennt. Er kann kein großer Komponist gewesen sein, denn von ihm ist kein einziges Werk überliefert. Aber er war ein begnadeter Arrangeur von Musik anderer. Er hatte ein tolles Gespür dafür, wie er sinfonische Musik (auch Opern) so verkleinern konnte, dass sie ihren Charakter nicht verloren und die Komponisten sie trotzdem wiedererkannten. Er wusste genau, welche Stimmen er den drei Instrumenten geben konnte, und nahm dabei durchaus auch unerwartete Umbesetzungen vor: nicht alle Streicherstimmen spielten jetzt die beiden Streichinstrumente, die Bläserstimmen mussten ohnehin speziell vergeben werden. Aber Burchard schaffte es, den Charakter der beiden Sinfonien, die langen melodischen Bögen Schuberts und die Dramatik Beethovens eins zu eins zu erhalten.

Der Vorteil des Verfahrens wurde schnell klar: Man hörte genauer zu, weil man die Musik eigentlich gut kennt und wissen wollte, was daraus geworden war. Und man hörte sei auch klarer, weil die Stimmen individualisiert waren, weil sie unmittelbarer wirkten als die kollektiven, aber nivellierten Stimmen der Orchester. Die Distanz war einfach geringer. Da-da-da-daaaah! Beethovens berühmtes Türklopfen des Schicksals konnte genauso bedrohlich klingen wie mit vollem Orchester. Nur war es näher.

Wie aufgedreht

Die Intensität der Erfahrung kam allerdings auch daher, dass das Quartett musizierte wie aufgedreht. Da war kein Hauch sinfonischer Behäbigkeit, da war kompromissloser kammermusikalischer Kampf, da war eine unglaubliche Intensität. Das war ein perfektes Ineinandergreifen und trotz allen Vortriebs eine ganz große strukturelle Klarheit.

Spätestens in Beethovens Finale hatten die Vier ihr Publikum in die Atemlosigkeit getrieben. Zum Wiederherunterkommen brauchte es als Zugabe ein starkes Sedativum: Bachs wunderbare Sonatine aus seinem "Actus tragicus" in einer Bearbeitung von György Kurtág in einer Bearbeitung von Julian Riem. Das Staunen hielt lange an.