Das Warten hat ein Ende. Am Mittwoch, 10. März, unterschreibt Alexander Steinbeis seinen Arbeitsvertrag mit der Stadt Bad Kissin­gen. Wer das ist? Ganz einfach: Das ist der neue Intendant des Kissinger Sommers, der 2022 für das Festival das erste Mal die Verantwortung für die Planung und Durchführung übernimmt. Bevor er in Berlin in den Zug stieg, um den Vertrag zu besiegeln, haben wir mit ihm gesprochen, damit die Kissinger ihn schon ein bisschen kennenlernen.

Herr Steinbeis, wenn man Sie reden hört, kann man überhaupt nicht erkennen, aus welcher Gegend in Deutschland Sie eigentlich kommen.

Alexander Steinbeis: Da will ich Sie gerne aufklären. Ich wurde 1974 in München geboren und bin in der Nähe von Holzkirchen aufgewachsen, ungefähr 30 Kilometer südlich von München. In Miesbach habe ich das Gymnasium besucht. Als Teenager ging es dann aufgrund eines beruflich bedingten Umzugs meiner Eltern nach Großbritannien, wo ich auf einem Internat in der Grafschaft Kent war. Dort habe ich 1992 Abitur gemacht. Anschließend kam dann das Bachelor-Studium in London, und zwar im Fach Management.

Und wie kommt da die Musik ins Spiel?

Für mich hat Musik immer eine zentrale Rolle gespielt. Ich komme aus einer musikalischen Familie und habe von klein auf Klavier gespielt, später auch ein bisschen Geige. Nach dem Abitur stellte sich dann die Frage: Wie geht es jetzt weiter mit der Musik? Ich habe mich dann gegen ein Musikstudium entschieden, sondern für Management, beziehungsweise BWL, sozusagen als "solide" Basis, egal wie es danach weitergehen würde. Aber im Hinterkopf hatte ich immer schon den Gedanken gehegt, mich im Bereich der klassischen Musik verwirklichen zu können.

Wie ließ sich das realisieren?

Ich war für mein Master-Studium an der Europäischen Wirtschaftshochschule in Paris, Oxford und Berlin und habe in diesem Rahmen schon einige Praktika in der Musikbranche absolviert. Dann hatte ich das große Glück, dass ich meine erste Stelle in den USA, in Boston beim Boston Symphony Orchestra und dem dazugehörigen Sommerfestival in Tanglewood antreten konnte. Dort war ich fast sieben Jahre als stellvertretender künstlerischer Betriebsleiter tätig, also als Dramaturg und Planer, und hatte damit die einzigartige Gelegenheit, die künstlerischen Aktivitäten eines Spitzenklangkörpers und eines der führenden klassischen Festivals in den USA mitzugestalten.

Sie sind nicht in Boston geblieben, sondern haben 2006 dort ihre Zelte abgebrochen.

Richtig, denn mein Wunsch, mich wieder in Richtung Europa zu orientieren, wurde stärker. Allerdings hatte ich nicht zwingend vor, unbedingt nach Deutschland zurückzukehren. Ich war da ganz offen. Es hat sich aber die Möglichkeit ergeben, zum Deutschen Symphonie-Orchester Berlin zu gehen, wo ich zunächst ein Jahr für die künstlerische Planung zuständig war. Dann wurde ich 2007 Direktor und hatte diese Position 13 Jahre lang inne. Ich hatte in der Zeit die sehr schöne Herausforderung, die Aktivitäten eines der besten, vielfältigsten und innovativsten Klangkörper des Landes zu gestalten und zu managen. Meine engsten künstlerischen Partner waren die drei Chefdirigenten Ingo Metzmacher, Tugan Sokhiev und Robin Ticciati und natürlich Kent Nagano, der als Ehrendirigent dem Orchester sehr verbunden ist. Es war meine Aufgabe, das Orchester in der dicht besetzten Berliner Klangkörperlandschaft inhaltlich zu positionieren. Es war eine anspruchsvolle Aufgabe, bei der man sich jeden Tag die Frage stellen musste: Wer sind wir, worin begründet sich unser Dasein und wo wollen wir hin, um zukunftsfähig zu bleiben.

Wenn diese fordernde Tätigkeit sie so erfüllt hat, warum haben Sie dann gekündigt?

14 Jahre sind wirklich eine gute Zeit. Im Laufe des Jahres 2019 hat sich der Gedanke in mir verfestigt, dass Veränderung grundsätzlich etwas Positives ist und es für das Orchester wie auch für mich sinnvoll und vernünftig sein kann, sich nach dieser langen Zeit jeder für sich weiterzuentwickeln. Beide müssen sich die Frage stellen: Wie lange ist das sinnvoll. Mit einer Nachfolgerin oder einem Nachfolger kommen natürlich andere, frische Ideen und Impulse für das Orchester. Ich habe mich deshalb entschieden, nach der Saison 2019/20 aufzuhören, um erst einmal eine Verschnauf- und Schaffenspause einzulegen. Das ist mir auch kurzzeitig gelungen. Dann bin ich tatsächlich auf die Ausschreibung der Intendanz des Kissinger Sommers gestoßen - ich war von verschiedenen Seiten darauf angesprochen worden - und bin dem nachgegangen. Wie es der Zufall wollte, hat sich der Stadtrat für mich als Intendant ausgesprochen. Ich freue mich wahnsinnig auf diese neue Aufgabe, auf Bad Kissingen und bin sehr gespannt, was die Zukunft so mit sich bringt!

Sie haben in gewisser Weise direkt ins Blaue hinein gekündigt, denn eine Anschlussbeschäftigung war damals nicht in Sicht.

Ich habe mich bewusst für den riskanteren Weg entschieden, aufzuhören, um Kopf und Geist Freiraum zu geben. So ganz ist das nicht gelungen. Ich merke das jetzt auch schon, was Bad Kissingen anbelangt: Ich fange zwar offiziell erst im April an, aber natürlich beschäftigt mich der Kissinger Sommer gedanklich schon jetzt intensiv. Das hat aber auch sein Gutes - die Vorfreude steigt.

Dann kam auch noch Corona.

Meine Auszeit ist aufgrund von Corona natürlich ganz anders verlaufen, als geplant. Ich wäre gerne noch einmal richtig reisen gegangen, mit dem Rucksack durch Südamerika zum Beispiel. Auch hätte ich mir die letzten Monate beim DSO vorher gerne auch etwas stressfreier vorgestellt, denn ich musste tatsächlich noch ein halbes Jahr sämtliche Konzertabsagen und Verlegungen regeln und verschiedenste Szenarien entwerfen. Aber ich will mich nicht beklagen, denn die gesamte Branche hat enorm zu kämpfen.

Wie würden Sie grundsätzlich den Kissinger Sommer beschreiben?

Ich kenne den Kissinger Sommer primär durch meine Besuche im Rahmen der Gastspiele des DSO. Im Laufe der Zeit haben wir bestimmt sechs oder sieben Mal mit verschiedenen Dirigenten hier gastiert. Ich habe Bad Kissingen und das Festival wirklich durchwegs positiv in Erinnerung als einen Ort der Offenheit, der warmherzigen Atmosphäre mit seinen fantastischen Konzertmöglichkeiten und -sälen, allen voran dem grandiosen Max-Littmann-Saal. Das waren immer wunderschöne Erfahrungen mit einem sehr dankbaren Publikum im feierlichen und einzigartigen Ambiente. Ich bin gespannt auf meinen Start in ein paar Wochen. Der Festivalsommer 2022 ist hoffentlich komplett Corona-Einfluss-frei. Trotzdem sind die kommenden Monate ambitioniert für mich, weil wir einen sehr geringen Planungsvorlauf haben. Die großen Namen der Musik fragt man normalerweise mindestens zwei Jahre im Voraus an. Das ist mehr als sportlich und wird eine spannende Herausforderung. Dennoch möchte ich in meinen ersten Wochen Bad Kissingen mit seinen Örtlichkeiten und Spezifika, vor allem die Kissingerinnen und Kissinger besser kennen lernen, um auch ein genaueres Gefühl für das Festival zu bekommen. Kurgäste und Kulturtouristen sind wichtig, aber der Kissinger Sommer kann nur funktionieren, wenn die Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt das Festival mittragen.

Was wird sich an dem Festival ändern, wenn der Intendant Alexander Steinbeis heißt? Ihr Vorgänger ist Musikwissenschaftler, Sie kommen grob gesprochen aus dem betriebswirtschaftlichen Bereich. Ist das ein Signal in eine bestimmte Richtung, etwa in die Ausrichtung auf Wirtschaft vor Kunst? Gibt es Tendenzen, das Ganze stärker markttechnisch aufzubauen, oder ist das ein Zufall?

Das ist tatsächlich Zufall. Zu den Planungen kann ich im Moment tatsächlich noch nichts sagen. Ich finde es beeindruckend, wie sich der Kissinger Sommer seit den Anfängen 1986 entwickelt hat. Kari Kahl-Wolfsjäger hat das Festival über Jahrzehnte mit vollem Einsatz in der internationalen Festivallandschaft etabliert. Tilman Schlömp hat eine neue, thematische Stringenz in die Programme gebracht, den Bereich Education eingeführt und das Festival damit weiterentwickelt. Wie es weitergeht, das müssen Sie mich in ein paar Monaten fragen. Ich kann mit der Planung erst loslegen, wenn ich alle notwendigen Einsichten habe. So möchte ich in meinen ersten Wochen in Bad Kis­singen auf jeden Fall möglichst viele Einblicke gewinnen und Gespräche führen mit der Stadtverwaltung, den Stadträten, dem Team des Kissinger Sommers, dem Förderverein und vielen anderen. Es ist wichtig, dass ich mir diese Zeit nehme, auch wenn wenig Zeit bleibt, einen Sommer 2022 auf die Beine zu stellen.

Sind Sie ein Anhänger einer durchgehenden Festivalthematik mit roten Fäden oder sind Sie ein Freund offener Programme mit unbegrenztem Spielraum?

Natürlich muss sich jedes Festival fragen: Was haben wir für eine Berechtigung, warum sind wir Festival? Ein Festival darf kein Gemischtwarenladen sein. Ich bin also ein klarer Bekenner von thematischen Ansätzen mit roten Fäden, wobei der Art des Umgangs mit einem Thema ja keine Grenzen gesetzt sind. Wichtig ist, dass wir für die Kissinger und für die Bewohner des Umlandes ein attraktives Angebot machen und gleichzeitig für Kurgäste und Kulturtouristen attraktiv sind. Dazu gehören auch diejenigen, die sich überlegen: Mensch, fahre ich dieses Jahr nach Baden-Baden oder besuche ich Bad Kissingen, um mir Konzerte anzuhören? Dafür müssen natürlich einzigartige Projekte geboten werden, die man hoffentlich weitestgehend nur in Bad Kissingen erleben kann. Die großen Namen allein reichen da nicht mehr aus. Für Kulturtouristen, die die bedeutenden Künstler unserer Zeit auch in Frankfurt, NRW oder Berlin hören können, müssen wir extra Anreize schaffen, um sie nach Bad Kissingen zu locken.

Warum, glauben Sie, hat sich der Stadtrat für Sie entschieden?

Da ich nicht weiß, wer die anderen Bewerberinnen und Bewerber waren, könnte ich jetzt nur mutmaßen. Auf jeden Fall freue ich mich, dass ich den Stadtrat überzeugen konnte. Die Situation des Gesprächs in der Sitzung war tatsächlich etwas außergewöhnlich, denn aufgrund der Corona-Sicherheitsmaßnahmen trugen alle Sitzungsteilnehmer FFP2-Masken. Ich konnte also nicht ein Gesicht erkennen und somit auch keine Ausdrücke oder Reaktionen wahrnehmen. Die Diskussion im Anschluss an meine Präsentation empfand ich als äußerst freundlich, interessiert und konstruktiv.

Ein Problem ist für den Kissinger Sommer die Sponsorenakquise, weil die finanzielle Potenz der wirtschaftlich-industriellen Ballungszentren fehlt. Ist die Sponsorensuche eher eine Aufgabe des Intendanten oder des Oberbürgermeisters mit seiner Verwaltung? Haben Sie da Vorgaben bekommen?

Wie viele andere Bereiche gehört die Drittmittelakquise natürlich auch zu den Aufgaben eines Intendanten. Ich denke aber, dass es hier letztendlich auch auf das Zusammenspiel zwischen Intendanz und Stadtverwaltung ankommt, wenn man erfolgreich sein möchte. Der Intendant ist derjenige, der am tiefsten in den Planungen der Programme steckt und diese nach außen vertreten und verkaufen muss und das mit viel Enthusiasmus und Überzeugungskraft. Je nach Situation gibt es bestimmte Zeitpunkte, bei denen es dann sinnvoll ist, wenn sich auch ein Oberbürgermeister mit seinem politischen Gewicht einbringt - oder die Kuratoriumsvorsitzende Dorothee Bär. Das meine ich mit Zusammenspiel.

Haben Sie Vorlieben unter den Stilepochen?

Das ändert sich bei mir regelmäßig. Ich habe immer wieder Phasen mit stärkeren Vorlieben und dann kommt wieder etwas anderes. Oft gibt es auch einen Zusammenhang, womit ich mich beruflich gerade beschäftige. Das frühe 20. Jahrhunde rt hat trotzdem einen ganz besonderen Platz in meinem musikalischen Herzen.

Ein gewisses Konfliktpotenzial liegt in den zwei Konzeptlinien: Der Stadtrat scheint sehr stark eine Einladungspolitik der Stars und großen Namen zu favorisieren, um die Massen zu mobilisieren. Das klingt einfach, macht den Kissinger Sommer aber beliebig, weil man die großen Stars überall in der Welt hören kann. Die riskantere Linie ist die Einladung von hervorragenden, aber noch nicht so bekannten Leuten, die das Publikum noch überraschen können und dem Festival Alleinstellungsmerkmale geben. Eine Frage der Mischung. Aber wohin tendieren Sie stärker?

Ich glaube, dass bekannte Künstlerpersönlichkeiten - ich mag das Wort Stars nicht so gerne - auf der einen Seite und der Nachwuchs auf der anderen Seite ganz wichtige Säulen für den Kissinger Sommer sind. Aber die Herausforderung besteht eben genau darin, das Festival nicht beliebig werden zu lassen, sondern dass sich alle Programme in eine größere Thematik, eine Gesamtdramaturgie einbetten. Ich hoffe, dass es gelingen wird, einen Weg zu finden, dass eben die sehr hochkarätig besetzten Veranstaltungen auf Konzerte abfärben, bei denen nicht jeder sofort den oder die Namen kennt.

Wie groß ist Ihre Risikobereitschaft? Lassen Sie Spielraum für interessante Newcomer?

Ich glaube auch, dass das ganz wichtig ist, Risikobereitschaft zu einem Festival mitzubringen, und durch entsprechende experimentelle Formate mit Laborcharakter dafür zu sorgen, dass man die eine oder andere Sache ganz einfach ausprobieren kann. Nicht jedes Risiko zahlt sich aus, Experimente müssen auch scheitern dürfen. Das gehört für mich dazu. So bleibt die Kunst lebendig.

Privat gefragt: Wo wohnen Sie? Sind Sie ledig, verheiratet, haben Sie Familie?

Aktuell wohne ich in Berlin-Kreuzberg. Ich bin verheiratet, mein Mann ist Journalist und arbeitet als EU-Korrespondent in Brüssel. Kinder gibt es keine. Dafür bin ich begeisterter Onkel von zwei Nichten und drei Neffen. Selbstverständlich werde ich in Bad Kissingen eine Wohnung nehmen und freue mich darauf, auch außerhalb der Festivalzeit viel Zeit in Bad Kissingen zu verbringen.

Wann waren Sie denn das erste Mal hier?

Das war mit dem DSO und dem Rundfunkchor Berlin unter Kent Nagano mit der "Missa solemnis" von Beethoven. Das muss 2006 gewesen sein.

Eine allerletzte Frage: Sind Sie sich dessen bewusst, dass Sie zuständig sind für den Kissinger KlavierOlymp 2021?

Ja (lacht), dessen bin ich mir bewusst. Seit Kurzem. Oktober ist natürlich bald, aber damit müssen wir jetzt umgehen. Ich bin gespannt auf die Aufgabe und ich freue mich darauf.