Es war keine Entzauberung einer Legende, aber ein Hineinholen in die Realität der Welt: das Rezitationskonzert "Paganini und die Folgen" im Kurtheater. Dazu brauchte man gar nicht so viel Personal: eine Rezitator, einen Geiger und einen Pianisten. Damit ließ sich Wirken und Fortwirken des "Teufelsgeigers" bestens zeigen.


Konkretes Bild von Paganini

Tilman Schlömp hatte mit aussagekräftigen Zitaten von Zeitgenossen ein Bild des Genuesers gezeichnet, das ihn nicht beschädigte, ihn aber konkreter werden ließ. Und er hatte nicht nur Paganinis Sicht auf die Welt darin konzentriert, sondern auch dessen Verhältnis zu seinen Zeitgenossen. Berlioz, Schumann oder Stendhal kamen da zu Wort, zeichneten ein kontroverses Bild des Mannes, der die Musik des 19. Jahrhunderts nachhaltig beeinflusste.


Rufus Beck als Idealbesetzung

Der Schauspieler Rufus Beck gab den Paganini - vom Typ her eine Idealbesetzung. Er erzählte den Text als inneren Monolog mit einer guten Portion Ironie, auch Selbstironie gut 20 Jahre nach seinem Tod ("Das ist nicht mehr meine Zeit"), blickt zurück auf sein Leben, ordnet die Ereignisse ein, auch die, bei denen er nicht so erfolgreich war ("meine Eheprojekte"), amüsierte sich über den Hype um seine Person, auch wenn er ihn genoss. Rufus Beck genügten ein paar Stimmumfärbungen und das Abnehmen und Aufsetzen der Brille, um zu zeigen, wer gerade sprach oder las, wann er zitierte oder laut nachdachte. Nur bei der Textsicherheit war noch etwas Luft nach oben.


Ein bisschen mehr Zeit

Und natürlich Paganinis Musik:. Der 25-jährige Geiger Alican Süner, die Capricen Nr. 17, 24 und 23 - vier Tage nach Thomas Zehetmair, was zu Vergleichen rief. Süner hatte einen anderen Ansatz. Er zielte weniger auf die eilige Virtuosität, sondern auf die Musik, auf melodische Entwicklungen. Er ließ sich ein bisschen mehr Zeit. Dadurch wirkte sein Spiel stellenweise zwar etüdenhaft, aber man hörte ganz einfach mehr von der Musik als bei dem Salzburger.


Nur wenig Geiger

Es ist vielleicht nicht ganz uninteressant und bezeichnend, dass unter Paganinis komponierenden Nachahmern nur wenige Geiger waren. Die ließen lieber die Finger davon. Nathan Milsteins "Paganiniana" dürften die bekanntesten Nachfahren sein. Die Pianisten glaubten, dass sie Paganinis Probleme mit zehn Fingern leichter lösen können als mit vier. Aber sie handelten sich dafür andere Schwierigkeiten ein, unter anderem die, dass das Klavier im Gegensatz zur Violine einen Ton nicht wirklich aushalten kann.
Aber es gibt berühmte Nachfolger und Nachahmer: Hummel, Schumann, Brahms Rachmaninow, Lutoslawski (für zwei Klaviere) oder Rosenblatt. Wer gleich orchestrierte, war auf der sicheren Seite wie Blacher oder Lloyd Webber.


Enormer Zugriff von Herbert Schuch

Herbert Schuch, der lange geduldig gewartet hatte, zeigte dann interessante, exemplarische Paganini-Adaptionen. Natürlich beginnend mit Robert Schumanns Paganini-Etüde op. 3/1, die unter dem Eindruck des Konzerterlebnisses - Schumann hatte Paganini in Frankfurt erlebt - geschrieben hat, und zwar mehr oder weniger als Transkription. In der Etüde op. 10/2 hatte er bereits aus Paganinis thematischen Material etwas eigenständig Neues gemacht. Und im "Carnaval" op. 9 war es nur noch ein geschickt platzierter Unruheherd in der beschaulichen "Valse allemande". Spektakulär ist ja Franz Liszts "La campanella" aus den "Grandes Etudes d"après Paganini", und so spielte sie Schuch auch: mit enormem Zugriff, mit dem grellen Gebimmel des Glöckchens, das zu allen Schwierigkeiten noch obendrauf kommt, und mit enormer Farbigkeit.


Fanastischer Konzertausklang

Und dann musste sie kommen, die wohl fundierteste Auseinandersetzung mit Paganinis 24. Caprice: die Paganini-Variationen von Johannes Brahms: eine schier nicht enden wollende Anhäufung von Martern aller Arten in 30 Sätzen, die Pianisten an ihre Grenzen führen können. Aber Herbert Schuch behielt den Kopf oben, spielte nicht nur technisch brillant, sondern hatte auch noch Kapazitäten zur Gestaltung und Differenzierung und hielt, was alles andere als selbstverständlich ist, das Thema immer an der erkennbaren Oberfläche. Was den starken Eindruck verstärkte, war seine Emanzipation der linken Hand. Sie lieferte nicht nur wichtige, sondern auch erkennbare Strukturen. Die Schlussvariation des 1. Heftes spielte Schuch derartig intensiv "con fuoco", dass eine Steigerung nicht mehr möglich war. Es musste ein Neuanfang kommen: Heft 2. Ein fantastischer Konzertausklang.