Dascha, Hasan, Lisa und Sophie sind mucksmäuschenstill. Sie starren wie gebannt auf das Buch. Es handelt von wilden Tieren, die recht groß und zahlreich abgebildet sind. Erzieherin Manuela Sauer liest die Texte vor. Die Kinder lauschen konzentriert. Soeben schlägt die Erzieherin eine Seite auf, auf der Schlangen vorgestellt werden. "Die macht zzz", ruft Hasan dazwischen. Daraufhin werden die Kinder unruhig. Sie beginnen, sich über das Buch und seine wilden Tiere auszutauschen. Dascha will noch einmal hören, wie die eine Schlangenart heißt.
"Das ist eine Treppennatter", wiederholt Manuela Sauer. Lisa hingegen wird ungeduldig: "Ich will jetzt einen Löwen sehen", sagt sie und blättert die Seite um.

Szenen wie diese sind Alltag im Kliegl-Kindergarten. "Denn die Kinder lieben Bücher. Es sitzt immer einer hier auf dem Lesesofa mit einem Buch in der Hand", erklärt Sauer. Seit 1990 arbeitet die Pädagogin in der Bad Kissinger Einrichtung. Dort ist sie inzwischen nicht nur für die Leitung zuständig, sondern auch als ausgebildete Fachkraft für Sprachentwicklung tätig. Denn die Einrichtung ist ausgewiesene Sprach-Kita. Seit 2012 wird die Sprachentwicklung der hier betreuten Jungen und Mädchen besonders gefördert - mit Mitteln aus einem Förderprogramm des Bundes. "Viele Kinder wachsen heutzutage nicht mehr mit Deutsch als Muttersprache auf", nennt die 48-Jährige einen Grund für die Spezialisierung.


60 Prozent mit fremden Wurzeln

Die Zahlen des Staatsministeriums für Arbeit und Soziales, Familie und Frauen von 2013 belegen das: Ein Drittel aller Kinder in Bayern unter sechs Jahren haben einen Migrationshintergrund. In den größeren bayerischen Städten sind es sogar rund 60 Prozent.

Den Kliegl-Kindergarten besuchen laut Sauer mittlerweile genauso viele Kinder, deren Vorfahren zugewandert sind - auch wenn Bad Kissingen keine Großstadt ist. "Etliche der Jungen und Mädchen leben in zweiter oder dritter Generation in der Kurstadt. Sie lernen teilweise gar kein richtiges Deutsch mehr", schildert sie ihre Erfahrung. So würden viele dieser Kinder beispielsweise die Artikel beim Sprechen weglassen und unter anderem sagen: "Gib mir Brot."

Andere wiederum haben nur einen begrenzten Wortschatz. Dabei sei das Lernen im Kindergarten und auch später in der Schule in erster Linie von der Sprache abhängig. "Ich kann nur wirklich etwas verstehen, wenn ich ein Wort dafür habe", ist die Fachfrau überzeugt.

Aber nicht nur die Kinder mit Migrationshintergrund haben in ihren Augen entsprechenden Förderbedarf, auch die anderen Jungen und Mädchen, quer durch alle Schichten. Schließlich werde heute anders und auch weniger gesprochen, als noch vor einigen Jahren.


Kurznachrichten statt Gespräche

Als eine Ursache dafür sieht die Pädagogin die neuen Medien. "Die heutige Elterngeneration ist mit Handys, Smartphones und Tablets aufgewachsen. Entsprechend werden weniger persönliche Gespräche geführt", weiß sie. Infolgedessen habe sich auch der Sprachgebrauch verändert, der im Umgang mit den Kindern fortgeführt wird.

Als Beispiel dafür nennt Sauer das Wort "Lol". Es wurde laut dem Online-Lexikon Wikipedia als Abkürzung für laughing out loud (bedeutet laut lachen oder auslachen - Anm. d. Red.) erstmals in den 1980er-Jahren verwendet. Seither wird Lol in E-Mails, SMS-Nachrichten, Computerspielen und Chats verwendet. Auch Jugendliche gebrauchen das Wort sehr häufig - und ab und zu auch ein Knirps im Kliegl-Kindergarten.

Doch wie soll nun die Sprache der Kinder dort konkret verbessert werden? "Beim ersten Programm, das 2012 startete, wurde die zusätzliche Sprachförderung noch in Kleingruppen absolviert", erzählt Manuela Sauer. Jetzt, beim nachfolgenden Programm, sollen alle Kinder und ihre Eltern sowie alle Mitarbeiter in den Prozess einbezogen werden.

"Die Sprache im Alltag steht im Mittelpunkt", fügt sie hinzu. Als eigens dafür ausgebildete Fachkraft schult sie ihre Kolleginnen regelmäßig.

Zudem gibt es in der Kita jetzt ein Elterncafé - als niederschwelliges Angebot ohne Programm, zum zwanglosen Treffen. "Hierbei kann ich den Eltern Tipps geben, wie sie beispielsweise ein Buch mit ihren Kindern intensiver anschauen oder vorlesen können", sagt sie. Schließlich seien Bücher für Kinder zwischen einem und sechs Jahren das Medium Nummer eins, um ihre Sprache zu fördern. Und das, obwohl die meisten ihrer Kindergartenkinder bereits mit Handy, Tablet oder Laptop umgehen können. "Diese Entwicklung halten wir nicht auf, aber wir können sie begleiten", ist Sauer überzeugt.

Auf dem Lesesofa ist inzwischen wieder Ruhe eingekehrt. Dascha, Hasan, Lisa und Sophie hören wieder konzentriert zu, was ihnen die Erzieherin vorliest. Jetzt geht es um Löwen und andere große Wildkatzen.