Man konnte gespannt sein auf das Eröffnungskonzert. Die Nationalphilharmopnie Warschau ist eines der größten und wichtigsten Orchester des Nachbarlandes. Und es kam, obwohl Polen schon mehrfach das besondere Gastland des Kissinger Sommers war, zum ersten Mal in den Regentenbau. Zudem stand am Pult nicht ein eilends eingeladener Gastdirigent, der immer Kompromisse machen muss, sondern Jacek Kaspszyk, ein erfahrener Gestalter, vor allem aber der Chefdirigent des Orchesters. Also allerbeste Voraussetzungen.
Dennoch weckte der Beginn von Ludwig van Beethovens 3. Klavierkonzert mit seiner langen Orchesterexposition nicht gleich flammende Begeisterung. Das Orchester spielte relativ betulich, gutbürgerlich, fast ein bisschen schüchtern in dem noch ungewohnten Saal (natürlich hatte es dort schon geprobt). Und Jacek Kaspszyk schien seinen Leuten erst noch etwas Zeit lassen zu wollen, bevor er seine Anforderungen anzog. Und eines war ihm klar: Spätestens, wenn der Solist einsetzen würde, ließe sich diese Spielweise nicht mehr konfliktfrei durchhalten.
Igor Levit, als 16-Jähriger schon Zweiter der Kissinger KlavierOlymiade 2003 und seitdem eng mit dem Kissinger Sommer verbunden, in diesem Jahr sogar als Artist in Residence, ist ein Pianist, der einen sehr eigenen Kopf hat. Nicht dass er alles anders machen will als alle Kollegen. Sondern er ist ein Musiker geworden, der möglichst das spielen will, was die Komponisten gewollt haben, der sehr viel Quellenforschung betreibt, der sich an die Spielvorschriften der Komponisten hält - was tatsächlich dazu führt, dass er manchmal etwas anders macht als alle Kollegen. Das Beethoven-Konzert bot da einige interessante Beispiele.
Aber Levit ist auch ein Mann einer ausgeprägten Klangregie und Klangfarbensteuerung, der jeden Ton ganz bewusst in einen Zusammenhang stellt. Und das erwartet er eigentlich auch von seinen Partnern.

Hörbare Differenzen

Sein erster Einsatz nach der Exposition machte sofort deutlich, dass da noch erhebliches Einigungspotenzial da war. Denn obwohl Kaspszyk sehr sensibel auf die Levitschen Impulse reagierte, glaubte das Orchester noch, seinen Beethoven wie immer spielen zu können. Das Ergebnis war dadurch gestalterisch etwas disparat.
Der zweite Satz brachte die Wende. Da merkte das Orchester, dass Igor Levits Vorschläge durchaus Sinn machten. Obwohl er es den Musikern nicht leicht machte. Denn er spielte den Satz, der in der Regel viel zu schnell genommen wird, im wörtlichen Beethovenschen Largo. Also ungewöhnlich langsam. Und trotzdem konnte er die Spannung halten. Für die Bläser war das eine kleine Höllenfahrt, aber sie machten mit. Und so entstand eine enorm intensive, dichte Stimmung, die auch das Publikum atemlos machen konnte. Und beim dritten Satz verbündete sich das Orchester sogar gegen seinen Dirigenten mit dem Solisten und zog das Tempo geringfügig an, als Igor Levit einsetzte.
So entstand unterm Strich doch eine Interpretation eines eigentlich bekannten Werkes, in dem man noch viele neue Aspekte im mitunter ungewohnt strukturierten Solopart, aber auch im Orchester entdecken konnte.

Unterhaltsame Kleinteiligkeit

In Gustav Mahlers 4. Sinfonie ließ Jacek Kaspszyk erst gar keine Betulichkeit aufkommen. Das würde allerdings auch durch die Struktur der Musik erheblich erschwert, die so kleinteilig ist, dass ständig eine neue Idee, ein neues Thema auftauchen und die Musiker genauso beschäftigen wie die Zuhörer. Denn letztere können sich nie auf längere melodische Linien einlassen, weil ständig neue Volks- und Kinderlieder zitiert werden, weil dieses Kaleidoskop kaum Ruhepunkte bietet.
Kaspszyk - dass er vom Gesang her kommt, merkte man hier deutlich - zielte zum einen auf die klare Herausarbeitung der Melodien und zum anderen auf eine durchgehend gute Durchhörbarkeit. Und zwar auch dann, wenn er seine Musiker von der dämpfenden Leine ließ.
Und er nahm auch - ganz im Mahlerschen Sinne - keine Rücksicht auf die Sopranistin Genia Kühmeier, die im berühmten Schlusssatz das Lied von den himmlischen Freuden sang. Sie konnte sich mit ihrer runden, warm timbrierten Stimme und sehr klarer Artikulation zwar durchaus gegen das Orchester behaupten, aber ihr Gesang wurde, wenn es Sinn machte, auch zur zusätzlichen Klangfarbe - eine Interpretation, die nicht auf Mystifizierung, sondern auf Spielfreude setzte, bis die Musik vergnügt in einem weiß-blau gewölkten Himmel entschwand.