Bad Kissingen
Historie

Bad Kissingen: Wie die Bahn ins Kurbad kam

Vor 150 Jahren rollte der erste Zug nach Bad Kissingen. Die Bürger des Kurortes kämpften davor bereits jahrelang für die Anbindung ans Schienennetz. Dass sie gebaut wurde, dafür brauchte es einen verheerenden Krieg.
Ab 1869 wurde die Bahnstrecke nach Bad Kissingen gebaut. Die Aufnahme zeigt die Arbeiter beim Gleisbau bei Arnshausen.
Ab 1869 wurde die Bahnstrecke nach Bad Kissingen gebaut. Die Aufnahme zeigt die Arbeiter beim Gleisbau bei Arnshausen. Foto: Stadtarchiv/Sammlung Bötsch
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Die Kissinger hatten sehnlichst darauf gewartet, dass ihre Stadt endlich an das königliche Eisenbahnnetz angebunden wurde. Der Eröffnungszug, der am 9. Oktober 1871 auf der neugebauten Bahnstrecke Schweinfurt-Kissingen endlich die Kurstadt erreichte, wurde standesgemäß begrüßt. "Die städtischen Kollegien erachten es für angezeigt, die Eröffnung des Betriebs [...] mit entsprechender Feier zu begehen", hieß es in einer Bekanntmachung zwei Tage vorher. Die Bürger waren angehalten, ihre Häuser zu beflaggen, außerdem wurde ein Festdinner abgehalten, zu dem neben den offiziellen Würdenträgern auch die "verehrlichen Herrer der hiesigen Bürger- und Einwohnerschaft" eingeladen waren.

Bürgerschaft forderte Bahnanbindung

Es waren Bürger und Geschäftsleute, die sich bereits lange vor dem tatsächlichen Bau für eine Bahnlinie nach Bad Kissingen eingesetzt hatten. "Die Bahn hat eine lange Vorgeschichte. Es gab ein Rhönbahn-Projekt in den 1850er Jahren. Das ging von Schweinfurter Bürgern aus und sollte von Schweinfurt über Bad Kissingen, Bad Neustadt und Bischofsheim nach Fulda gehen", erklärt Birgit Schmalz, Historikerin im Kissinger Stadtarchiv. In Bad Kissingen hatte sich ein eigenes Eisenbahnkomitee gegründet, das dieses Projekt unterstützte. Der damalige Bad Kissinger Badkommissar erläuterte in einem Schreiben nach München die wirtschaftlichen Vorzüge, die ein Eisenbahnanschluss für Bad Kissingen und die Rhön haben würde - vor allem indem Rhöner-Produkte wie Torf, Ton, Ocker, Holz, Salz, Mineralwasser und Bau-Steine aus den Steinbrüchen besser transportiert werden könnten.

König Maximilian II. erteilte dem Vorhaben 1856 zunächst die Zustimmung, aufgrund der abseitigen Lage im Norden Bayerns und wegen der schwierigen Topographie wurde das Vorhaben von Generaldirektion der Königlichen Verkehrsanstalten wieder fallengelassen. "Man hat die Strecke vermessen und festgestellt, dass der Bau die technischen und finanziellen Möglichkeiten übersteigt", sagt Schmalz.

Bahnanschluss als Kompensation für Kriegsschäden

Dass die Bahntrasse zwischen Schweinfurt und Bad Kissingen schließlich doch realisiert wurde, wurde durch den Krieg zwischen Bayern und Preußen 1866 begünstigt. Bad Kissingen war ein großer Schauplatz dieses Krieges. Aus Sicht von Bayerns Militärstrategen rächte es sich, dass der Norden so schlecht angebunden war. Preußen hingegen konnte seine Truppen im Zug deutlich schneller verlegen. Als Märchenkönig Ludwig II. nach Ende des Krieges die Kriegsschauplätze bereiste, überreichten ihm wiederum Vertreter des Kissinger Handelsstandes eine Bittschrift, die der Monarch nach seinem Besuch aufgriff. Er verfügte, dass das Rhönbahn-Projekt wiederaufgenommen wird - allerdings nicht nach Hessen, sondern alternativ in Richtung Meiningen.Der Bahnbau sollte Bad Kissingen als Kompensation für die Kriegsschäden dienen.

Wäre die Steigung zwischen Arnshausen und Oerlenbach nicht gewesen, wäre die Hauptstrecke seinerzeit nicht über Münnerstadt, sondern über Bad Kissingen geführt worden. So aber wurde Bad Kissingen über einen Durchstich angebunden und der Bahnhof als Kopfbahnhof geplant. Nach rund zwei Jahren Bauzeit rollte der erste Personenzug auf der die Strecke Schweinfurt-Ebenhausen-Bad Kissingen. Der Bau hatte mit rund drei Millionen Gulden für die damalige Zeit eine erhebliche Summe verschlungen. Die ersten Gäste stiegen in Bad Kissingen zunächst an der grünen Wiese aus: Das Bahnhofsgebäude wurde erst 1874 fertiggestellt, kurz vor dem ersten Besuch von Fürst Otto von Bismarck in der Kurstadt.

Um die Jahrhundertwende gab es noch Ideen für weitere Bahnprojekte in Bad Kissingen, die aber so nie umgesetzt wurden. 1884 öffnete die Linie Gemünden-Hammelburg im unteren Saaletal. Ab 1907 gab es laut Stadtarchiv Planungen, Bad Kissingen daran anzuschließen. Im Zuge dessen war vorgesehen, den bisherigen Bahnhof aufzugeben und neu zu bauen; als Standort wäre der Bereich rund um die heutige Kreuzung Max- und Kasernenstraße mit dem Ostring in Frage gekommen. Die Bahnlinie hätte im Bogen um die Stadt herumführen sollen, in etwa auf der Trasse, auf der heute der Stadtring läuft. Schwierigkeiten beim Grundstückserwerb und schließlich der Erste Weltkrieg stoppten diese Pläne. Erst 1924 folgte die Anknüpfung nach Hammelburg, wobei der Bahnhof aber bestehen blieb.

Sonderzüge und Roter Teppich

Für Kissingens Entwicklung zum Weltbad war der Bahnanschluss von Bedeutung. Sonderzüge der Mächtigen rollten bis weit in 20. Jahrhundert hinein in den Kurort, mehrmals im Jahr musste der rote Teppich vom Bahnsteig ins Fürstenzimmer - den noble Empfangsraum der hohen Gesellschaft - ausgerollt werden. Außerdem erschloss sich Bad Kissingen neue Gäste, denn mit der Bahn konnte sich eine breitere Bevölkerungsgruppe das Reisen leisten. "Für den Verkehr in die europäischen Kurbäder war der Eisenbahnanschluss ein wichtiges Kriterium", weiß Schmalz. Wie wichtig die Bahn für das Reisen damals war, zeigt sich daran, dass es lange durchgehende Verbindungen in Großstädte wie Frankfurt, Berlin und München gab.