"Ich bin zum ersten Mal hier, obwohl ich in Würzburg geboren wurde und noch Verwandte im Würzburger Raum habe", gestand Jürgen Dusel, der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen - "ich bin sehr beeindruckt. Das ist eine großartige Kurstadt". Das Konzert mit den Bamberger Symphonikern, das er besucht hatte, fand er "traumhaft schön". Doch der eigentliche Zweck seiner Visite in der Stadt war ein ganz anderer: Er traf sich im Wohnheim der Lebenshilfe in der Gartenstraße mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und Bewohnern.

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Sabine Dittmar aus Maßbach, die bei ihrer Arbeit in Berlin öfter mit ihm zusammenarbeitet und Kontakt hat, hatte ihn zum Besuch dieses Modellprojektes der Lebenshilfe hergeholt. Mit dabei bei der Gesprächsrunde waren auch Monika Fella, die Vorsitzende des Aufsichtsrates und Alex Iffert, der geschäftsführende Vorstand der Lebenshilfe Bad Kissingen.

Acht Appartements

Monika Fella und Alex Iffert schilderten dem Gast aus Berlin, was es mit dem Modellprojekt der Lebenshilfe in der Gartenstraße auf sich hat: Das Haus wurde von der Stoffel-Haus-Stiftung erbaut und dann an die Lebenshilfe vermietet. Hier leben Behinderte in acht Appartements, von denen vier voll rollstuhlgerecht sind. Außerdem gibt es noch ein weiteres Appartement zum Probe-Wohnen. Die Bewohner genießen zwar eine ambulante Pflege, versorgen sich aber zum größeren Teil selbst.

Sabine Dittmar schnitt ein für Behinderte wichtiges Thema an: Die Assistenz für Behinderte, wenn sie ins Krankenhaus müssen und ihre Angelegenheiten nicht selbst regeln können. Sie habe sich darum in intensiver Zusammenarbeit mit Jürgen Dusel eingesetzt, betonte die Bundestagsabgeordnete. "Das war sehr schwierig, ich habe deshalb mehrfach mit der Kanzlerin telefoniert. Es hat auf den letzten Drücker geklappt. Wenn jetzt der Bundesrat noch zustimmt, dann zahlen das die Krankenkassen", so Dusel.

Bei anderen Punkten gab es keine Erfolge zu vermelden: "Bei der Kurzzeitpflege für schwerbehinderte Kinder mit Pflegegrad haben wir uns die Zähne ausgebissen", bedauerte Sabine Dittmar. Jürgen Dusel vergaß auch nicht, dass bisher 85 000 Behinderte vom Wahlrecht ausgeschlossen waren. Jetzt dürfen sie wählen, freute er sich und hob hervor "Demokratie braucht Inklusion". Menschen mit Behinderung ständen die gleichen Rechte zu, wie das Bundesverfassungsgericht festgestellt habe. "Die wissen sehr gut, was sie wählen wollen", hieß es.

"Gehen Sie zur Wahl" , forderte der Behindertenbeauftragte die anwesenden Behinderten auf.

Selbst entscheiden

Alex Iffert betonte "wir wollen, dass alle Behinderten entscheiden können, wo und wie sie leben". Auch einige der Bewohner des Lebenshilfe-Wohnheims kamen zu Wort. "Ich habe hier meine eigene Wohnung. Ich kann meine Türe zumachen, ich habe meine Ruhe. Das hat mir im Heim gefehlt", erzählte einer. "Was ist, wenn man mal Hilfe braucht", wollte der Gast aus Berlin wissen. "Dazu habe ich einen Alarmknopf, dann kommt jemand", erfuhr er von einem anderen Mann, der auch stolz erzählte "ich koche natürlich selber".

Zur Person:

Jürgen Dusel (56) ist selbst hundertprozentig schwerbehindert, denn er ist seit seiner Geburt stark sehbehindert. Er wurde in Würzburg geboren und studierte Jura. Seine berufliche Laufbahn begann er 1996 als Jurist bei der Hauptfürsorgestelle des Landes Mecklenburg-Vorpommern. 1998 wechselte er nach Brandenburg und wurde Dezernatsleiter für die Heimaufsicht und überörtliche Betreuungsbehörde beim Landesamt für Soziales und Versorgung. 2002 wurde er Leiter des Integrationsamtes und 2010 Beauftragter der Landesregierung für die Belange behinderter Menschen in Brandenburg. 2018 schließlich wurde er zum Beauftragten der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen berufen.