Wildflecken
Bundeswehr

Zapfenstreich im Gefechtssimulationszentrum Wildflecken: Abschied für den "Panzermann"

Acht Jahre leitete Oberst Jürgen Steinberger das Gefechtssimulationszentrum Heer in der Rhönkaserne Wildflecken. Welche Bilanz er über seine letzte Station als Berufssoldat zieht und was ein sowjetischer Walzer damit zu tun hat.
Bei einem Appell übergab Oberst Jürgen Steinberger (Mitte), scheidender Leiter des Gefechtssimulationszentrums in Wildflecken, die Truppenfahne an Brigadegeneral Heinz Feldmann. Das Ausbildungszentrum änderte seine Ausrichtung erst kürzlich dramat...
Bei einem Appell übergab Oberst Jürgen Steinberger (Mitte), scheidender Leiter des Gefechtssimulationszentrums in Wildflecken, die Truppenfahne an Brigadegeneral Heinz Feldmann. Das Ausbildungszentrum änderte seine Ausrichtung erst kürzlich dramatisch. Foto: Steffen Standke
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Panzer sieht man in der Rhönkaserne Wildflecken eher selten. Aber wenn der Leiter des Gefechtssimulationszentrums (GefSimZH) Abschied nimmt, wird schon mal einer aufgefahren. Zumal Oberst Jürgen Steinberger seine 44-Jahre währende Bundeswehrlaufbahn bei der Panzertruppe begann. Und nun in Wildflecken endete. Zum Abschluss seiner acht Jahre in Wildflecken fuhr der Koloss den 63-Jährigen quasi in den Ruhestand.

16 "Verwendungen" an 15 Standorten, sieben Umzüge und mehr als 20 Jahre Wochenend-Pendeln: Steinberger ist viel rumgekommen in seinem Soldatenleben. Die letzte Episode - Leiter des Gefechtssimulationszentrums Heer in Wildflecken seit 2014 - war mit acht Jahren so lang wie keine zuvor.

Viel Zeit, darüber zu reden hat der Oberst nicht an seinem Abschiedstag - so zwischen Übergabeappell an seinen Nachfolger Oberst Ralf Broszinski und Gästempfang im Offiziersheim. Im Fünf-Minuten-Gespräch mit dieser Redaktion sagt er: "Wir haben uns allen Situationen und dem Bedarf der Übungstruppen mit unseren Möglichkeiten angepasst. Und wir haben zur Einsatzbereitschaft ganz wesentlich beigetragen."

Die Situation und der Bedarf - sie haben sich besonders seit dem 24. Februar schlagartig geändert. An diesem Tag überfiel Putins Russland den Nachbarstaat Ukraine. Was mit einem Umdenken in der deutschen Politik verbunden war. Und so hat sich die Arbeit im GefSimZH laut Steinberger "vom Schwerpunkt Stabilisierungsaktionen im Ausland in Richtung Landes- und Bündnisverteidigung" gewandelt.

Die Wildfleckener Ausbildungseinrichtung stellt Armeeverbänden nach eigener Definition Simulationsmodelle zur Durchführung von Gefechtsübungen bereit und unterstützt sie bei deren Planung und Durchführung. Dabei war das GefSimZH schon immer international ausgerichtet. Stets waren bei Besuchen Uniformen und Rangabzeichen verschiedenster Armeen zu beobachten.

Tiefer als mit seinen zwei Sätzen möchte Steinberger nicht in seine zu Ende gehende Arbeit gehen. Man weiß in diesen Zeiten nicht, was zu viel verraten ist und was nicht. Dass den 63-Jährigen die angespannte Sicherheitslage in Europa sehr beschäftigt, zeigt seine Musikauswahl für den Übergabeappell. Der Oberst wünschte sich den Walzer Nr. 2 von Dmitri Schostakowitsch (1906 bis 1975).

Zum einen gefällt ihm und seiner Frau das heiter-beschwingte Musikstück sehr. Zum anderen erinnert Steinberger das Schicksal des russischen Komponisten an das dessen heutiger Landsleute unter Putin. Auch Schostakowitsch lebte Mitte des 20. Jahrhunderts in der Sowjetunion in einer unterdrückerischen Gesellschaft, in der jederzeit Denunziation und harte Bestrafung für kleinste Vergehen drohten. So komponierte der Schöpfer der berühmten Leningrad-Sinfonie in der Stalin-Ära stets in der Angst, vom Geheimdienst abgeholt zu werden.

Dem Heeresmusikkorps Veitshöchheim, das zu Steinbergers Verabschiedung aufspielte, schien dessen Wunschmusik nicht ganz so geläufig zu sein. Frankenlied und Nationalhymne gingen den Musikern wesentlich harmonischer von der Hand.

In seiner Rede beim Übergabeappell nannte der scheidende Oberst, der in Bad Mergentheim wohnt, seine 16. Verwendung einen "mehrfachen Glücksfall". Noch einmal habe er eine Führungsposition, im Kompetenzbereich Ausbildung, mit sehr professionellem und engagiertem Personal ausüben dürfen.

Seine Vorgesetzten hätten ihm große Eigenständigkeit eingeräumt; er habe gesäte Früchte auch ernten können und das bei verhältnismäßig kurzer Entfernung zum Wohnort. Bei den Herbergseltern in der Rhön hätte er und seine Frau sich sehr wohlgefühlt. Das GefSimZH nannte er "das modernste Simulationszentrum Europas". Es sei für seinen Auftrag gut aufgestellt, werde von den Partnern auf EU- und Nato-Ebene hoch geschätzt.

An anderer Stelle habe er in seinen acht Jahren als Leiter "bei weitem nicht das erreicht, was ich mir vorgenommen habe. Bei Baumaßnahmen, Infrastruktur und Beschaffung moderner Simulationssoftware sei deutlich mehr zu erwarten gewesen.

Angesichts der aktuellen Lage wünschte sich Steinberger, "zur Erhöhung der Einsatzbereitschaft des Heeres und der Bundeswehr jetzt endlich Gas zu geben". Er selbst gelobte, ab sofort nur noch dem Dienstplan seiner Frau zu folgen. Steinbergers Nachfolger Ralf Broszinski ist ebenfalls ein Altgedienter. Seit 41 Jahren gehört der "Pionier" der Bundeswehr an.