Die Praxis am Kirchplatz 1 - sie war genau das, was Zarrin Azima gesucht hatte. Vier Jahre hatte die 40-Jährige, die 1999 aus dem Iran kam und in Würzburg Human- und Zahnmedizin studierte, geschaut. Nach einer neuen Betätigungsstätte mit einer bestimmten Anzahl Räume, gewisser Ausstattung - aber vor allem einem freundlichen Miteinander.

Das fand sie nach eigenen Angaben bei Michaela Schulze in Bad Brückenau vor. Die 65- Jährige ist "herzlich froh, dass ich jemanden gefunden habe. Denn die ländlichen Zahnarztpraxen werden aussterben." Schulze stammt selbst auch nicht aus der Rhön. Leicht hört man noch ihren sächsischen Zungenschlag. 1987 flüchtete die Zwickauerin aus der DDR; drei Jahre später - zum 1. April 1990 - übernahm sie die traditionsreiche Zahnarztpraxis, damals noch in der Buchwaldstraße. Und führte sie über 30 Jahre lang fort.

Am 1. April 2021 soll nun die Übergabe an Zarrin Azima sein. Mental und physisch sei die Zeit gekommen, wo sie sich dem Patienten nicht mehr zumuten wolle, sagt Michaela Schulze mit leichtem Lächeln. Besonders zum Abend hin sei das so.

Wobei: Die 65-Jährige geht nicht in den Ruhestand, bleibt der Praxis erhalten. "Ich will noch ein bisschen weitermachen, um meine alten Patienten weiterzubetreuen." Probleme, sich als Angestellte unterzuordnen, habe sie nicht. Azima soll eher die jüngeren und neuen Patienten behandeln - so der Plan.

Bereits seit Oktober konnten sich die 40-Jährige, die die vergangenen sechs Jahre in verschiedenen Praxen in den Landkreisen Bad Kissingen und Rhön-Grabfeld angestellt war, einarbeiten. Sie kennt den ländlichen Raum, pendelt von ihrem Wohnort Bad Kissingen nach Bad Brückenau.

Eine Praxis über viele Jahre zu betreiben, besitzt Vorteile. Schulze hatte ganze Generationen von Familien auf dem Behandlungsstuhl sitzen - von den Urgroßeltern bis zu den Enkeln.

Almuth Bauer gehört der Zahnarztpraxis zwei Drittel der Zeit ihres Bestehens an. 1968 trat sie ein; da hieß ihr Chef in der Buchwaldstraße Werner Karasek. Sie hat im Archiv geforscht und zwei Patienten-Karteikarten aus der Nachkriegszeit gefunden. Sie weisen Zahn-Behandlungen ab dem Jahr 1947 aus. Damals hieß der Zahnarzt Steiner, Vorname unbekannt. Bekannt ist, dass Werner Karasek selbst bei Steiner als Assistenzarzt gearbeitet hat. 1965 übernahm er die Praxis.

In 52 (!) Berufsjahren hat Almuth Bauer ein großes Stück der Entwicklung der Praxis mitgemacht. "Angefangen habe ich mit Bleistift und Kugelschreiber. Dann kamen zum Aufschreiben Schreibmaschine, elektrische Schreibmaschine und schließlich der Computer."

Termine wurden früher nicht an Patienten vergeben. Wenn die Praxis aufgesperrt wurde, standen sie einfach vor der Tür, wurden nach und nach abgearbeitet. Heute undenkbar. Auch hat die Chipkarte sogenannte Krankenscheine abgelöst, die die Krankenkassen früher ausstellten.

In all den Jahren bildete Bauer sich weiter - von der "2. Helferin" des Zahnarztes, zur Verwaltungshelferin, Verwaltungsassistentin bis schließlich zur Praxismanagerin. Auch bei ihr herrschte also nie Stillstand. "Ich habe immer für die Praxis gelebt", sagt sie.

Zarrin Azima wird in der Zahnarztpraxis am Kirchplatz etwas ändern - auf sanfte Art und Weise. Da geht es weniger darum, dass sie lieber im Sitzen arbeitet (Michaela Schulze tut das im Stehen). Die 40-Jährige ist andere Geräte gewohnt, nutzt andere Materialien. Auch will sie die Digitalisierung über die nächsten Jahre ein bisschen vorantreiben, für die nächste Generation Patienten. Schulze hat nichts dagegen.

"Fürs Personal geht alles so weiter", versprechen beide. Schließlich war ein Kriterium für Azimas Kommen das freundliche Miteinander.