Peter Müller (Name geändert) ist 80 Jahre alt. Vor drei Jahren ist seine Frau nach schwerer Krankheit gestorben. Über 50 Jahre waren sie verheiratet. In seinem Portemonnaie stecken einige der kleinen Zettel, die sie sich bis zu ihrem Tod geschrieben haben. Er hütet sie wie einen Schatz. "Ich liebe dich so sehr! Mein Herz ist Dein!", steht dort geschrieben. Der letzte Zettel stammt aus dem Krankenhaus.
Er kann die Tränen nicht zurückhalten. "Wenn ein Mann eine Frau verliert, dann ist das so schlimm, als würde ein Stück von einem selbst sterben", versucht er die Trauer in Worte zu fassen.
"Frauen gehen offener mit dem Verlust des Partners um", ist sich Müller sicher. Frauen hätten ihr Leben lang gelernt, auf andere zuzugehen und so sei es für sie in dieser Situation leichter, sich anderen gegenüber zu öffnen, meint er. Seine Kinder und Enkel wohnen in einer Großstadt. Ansonsten ist er alleine. "Du weißt doch, einer bleibt immer übrig", diesen Satz hörte er anfangs aus seinem Umkreis. Alles andere als hilfreich empfand er diese Aussage und zog sich mit seiner Trauer zurück. Doch einmal im Monat trifft sich Müller mit einer Gruppe Gleichgesinnter. Dort ist keiner, der ihn verurteilt oder wichtige Ratschläge gibt. Keiner, der darauf hinweist, dass es nun schon drei Jahre her ist und dass irgendwann genug getrauert ist. Die Trauergruppe der Capio Franz von Prümmer Klinik bietet ihm die Möglichkeit eines geschützten Raumes für seine Trauer.
"Trauer kennt keinen Terminkalender", sagt Johanna Schießl, Klinikseelsorgerin und Leiterin der Trauergruppe. Trauer ist etwas sehr Individuelles, stellt sie fest. In der überkonfessionellen Gruppe bietet sie den Menschen einen Rahmen, in dem sie sich mitteilen können, ohne verurteilt oder bewertet zu werden. Denn Trauer sei in unserer Kultur oft schambesetzt, meint sie, und der Tod werde am Liebsten aus der Gesellschaft ausgegrenzt.
Bei uns wird oft im engsten Familienkreis oder alleine getrauert. Das bestätigt eine junge Frau, deren Vater erst vor fünf Wochen verstorben ist. Denn bereits jetzt frage im Bekanntenkreis keiner mehr nach ihrem Wohlbefinden. "Direkt danach wurde uns Hilfe angeboten, doch mittlerweile tun alle so, als wäre überhaupt nichts passiert. Das tut weh."


Zuhörer überfordert

"Der Zuhörer ist oft überfordert mit der Trauer, und es erfordert ein hohes Maß an Akzeptanz, keine Ratschläge zu geben und den Trauernden einfühlsam zu begleiten", sagt Schießl. Aus dieser Unsicherheit heraus ignoriere das Umfeld oft den Zustand des Trauernden. In der Gruppe hingegen sucht Schießl gemeinsam mit den anderen Teilnehmern nach den Ressourcen der Menschen und versucht sanft und achtsam mitzugehen. Problematisch wird es, wenn sich die Trauer verhärtet oder "chronifiziert" und der Prozess ins Stocken gerät. Dann kann eine Depression entstehen, wenn sich das ganze Leben nur noch darum dreht.


Sie wird nur milder

Besonders schwer trifft es Angehörige von Menschen, die sich selbst suizidiert haben. "Das ist ein doppeltes Tabu", sagt Schießl. Denn Schuldgefühle, dem Menschen nicht geholfen zu haben, und Wut können den Trauerprozess behindern. Doch was hilft bei Trauer? Reden, Rituale und eine Verortung in Form eines Altars beispielsweise können wichtig sein. Die Trauer wird nie ganz verschwinden, sie wird nur milder, sagt eine Teilnehmerin. "Wichtig ist auch, dass die Beziehung zu der verstorbenen Person bleiben darf - trotz körperlicher Abwesenheit", sagt Schießl.


Ansprechpartner
Trauergruppe in der Capio-Franz von Prümmer Klinik (Krankenhauskapelle):
jeden ersten Mittwoch im Monat; nächster Termin: 7. Juni um 18.30 Uhr;
Christian Presl-Stiftung Bad Kissingen, Beratungsstelle für Menschen in Trauer, Einzel-, Paar- und Gruppenbegleitung für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, Tel.: 0971/ 699 190 70;
Trauergruppe AGUS (Angehörige um Suizid) in Fulda und Bad Kissingen, Tel.: 0921/ 150 03 80, www.agus-selbsthilfe.de

Vortrag
"Suizid - das doppelte Tabu"
Freitag, 19. Mai, um 18 Uhr
Malteser, Gerloser Weg 20, in Fulda brj