"Unser aktueller Regent heißt Prinz Corona, der heuer ganz ungewohnte närrische Gesetze aufgestellt hat und eben keinen Spaß versteht ", sagt Manuela Word. Die Vorsitzende der 1. Großen Bad Brückenauer Karnevalsgesellschaft 1954 hat selbst in schwierigen Zeiten ihren Humor nicht verloren, auch wenn der Fasching durch das Virus praktisch völlig ausgebremst wurde.

"Wir hatten die Session, in weiser Voraussicht in abgespeckter Form, eigentlich durchgeplant, als uns der erneute Lockdown einen gehörigen Strich durch die Rechnung machte", blickt die Aktive mit Wehmut auf die vergebliche ehrenamtliche Arbeit der vergangenen Monate zurück. Denn alle Vorbereitungen sind inzwischen Makulatur.

"Geliftet, gefüttert und glatt gezogen"

Obwohl die Live-Auftritte mit Prinzengarde, Teenies, Roten Funken sowie Tanz- und Mini-Mariechen in den vergangenen Wochen zwangsläufig fehlten, wollten sich die Karnevalisten aber trotzdem in der Öffentlichkeit bemerkbar machen. "Wir präsentieren uns derzeit dann eben verstärkt virtuell", weist Manuela Word auf die umfangreichen Beiträge bei Facebook und Instagram hin, die unter anderem zeigen, wie die Narren auch ohne die erforderliche körperliche Betätigung bei Auftritten oder Umzügen in Form bleiben. Außerdem sei die Homepage des 66 Jahre alten Vereins, "geliftet, gefüttert und glatt gezogen" worden, wie das bei einer eitlen Seniorin in modernen Zeiten eben vermehrt der Fall ist.

Karnevalsorden wurden verteilt

Keinesfalls verzichten wollten die Verantwortlichen trotz aller Einschränkungen aber auf den traditionellen Karnevalsorden, auf dem aus aktuellem Anlass das Motto "50 Jahre Kurstift" eingeprägt ist und der inzwischen auch schon "unter coronakonformen Bedingungen" verteilt wurde. Nur das traditionelle Ordensfest in großer Runde mit der persönlichen Verleihung des Ehrenzeichens an Mitglieder, Freunde und Gönner fiel Covid-19 zum Opfer.

Eine liebgewonnene Tradition sind bei der Karnevalsgesellschaft seit Jahrzehnten die Live-Auftritte in den Alten- und Pflegeheimen. Da auch diese Besuche, die laut Aussage der Vereinsvorsitzenden allen Beteiligten immer viel Freude gemacht haben, nicht stattfinden können, will man den Bewohnern der entsprechenden Einrichtungen zumindest unterhaltsames Videomaterial zum Anschauen zur Verfügung stellen. Das könne zwar kein vollwertiger Ersatz für die individuelle Begegnung sein, solle aber zumindest ein kleines Zeichen darstellen, "dass gerade diese Menschen von uns nicht vergessen werden".

Optimal auf Rathaussturm vorbereitet

"Ich hatte mich schon seit Monaten sehr auf meinen ersten Rathaussturm als Bürgermeister von Bad Brückenau gefreut", sagt Jochen Vogel (CSU), der seit der letzten Kommunalwahl im März vergangenen Jahres die Geschicke der Stadt lenkt. Aus dem publikumswirksamen Spektakel im November wurde aber leider nichts, obwohl sein Team in der Verwaltung optimal vorbereitet und stark engagiert gewesen sei, "um meinen neu eroberten Amtssitz mit allen verfügbaren Mitteln zu verteidigen". Intern hatte sich der Chef mit seinem engsten Mitarbeiterstab schließlich darauf geeinigt, den überdimensionalen Schlüssel und die Stadtkasse freiwillig und unbemerkt von der Öffentlichkeit herauszugeben. "Die leere Schatulle wollten die Narren aber gar nicht erst haben", meint Vogel mit einem Augenzwinkern.

In Uniform und Maske zum Einkaufen

Der Sitzungspräsident und Ordenskanzler der Karnevalsgesellschaft, Dieter Seban, erinnert sich an frühere Zeiten, als regelmäßig am Abend des Faschingsdienstags zum Ende der Session "unter großer Anteilnahme der Bevölkerung" symbolisch eine Strohpuppe angezündet und dem Feuer übergeben wurde. "Vielleicht sollten wir diese Figur diesmal Corona nennen und das Virus gleich mit verbrennen", philosophiert der altgediente Aktive. Sicher ist sich Seban, dass dieses Jahr an den letzten tollen Tagen auch ohne den farbenfrohen Gaudiwurm zumindest ein kleiner Hauch von Fasching durch die Stadt wehen wird. Er kann sich nämlich durchaus vorstellen, "dass der eine oder andere Karnevalist in Uniform zum Einkaufen geht". Und eine Maske würden ja ohnehin fast alle Bürger tragen.

Alle Vereinsmitglieder hoffen schon jetzt auf den 11.11.2021 mit normalen Rahmenbedingungen. Denn der Narr sei keineswegs verstummt, nur etwas leise. Er feiere heuer den Fasching eben auf eine etwas andere Weise. .