Ein schmächtiger Mann betritt den Gerichtssaal. Er wirkt kurz desorientiert, möchte in Richtung der Zuschauerplätze laufen, wo einige seiner Angehörigen sitzen. Der Wachtmeister lenkt ihn in Richtung der Anklagebank. Dem 31-Jährigen werden Hand- und Fußfesseln abgenommen. Er blickt kurz in die Kameras, die auf ihn gerichtet sind - der Medienrummel zum Prozessauftakt ist groß - und dreht seinen Kopf dann in Richtung des Zuschauerraums.

Gegen den Osteuropäer, der in Fulda wohnte und seit Dezember in Untersuchungshaft sitzt, erhebt die Staatsanwaltschaft Fulda schwere Mord-Vorwürfe. Eine Dolmetscherin übersetzt dem Angeklagten, was Staatsanwältin Christine Seban in ihrer Anklage schildert.

Mann durfte sich nicht mehr nähern

Knapp ein Jahr lang waren der Angeklagte und die 35-jährige Ärztin ein Paar. Es sei ein Hin und Her gewesen, "spätestens im September oder Oktober 2020 hat sie sich endgültig von ihm getrennt", erklärt Seban. Doch das Ende der Beziehung "konnte und wollte der Angeklagte nicht akzeptieren".

Immer wieder habe er versucht, Kontakt aufzunehmen. Am 25. November, nur knapp zwei Wochen vor der Tat, wurde sogar richterlich beschlossen, dass sich der damals 30-Jährige der Wohnung der Ärztin, ihrer Arbeitsstelle am Herz-Jesu-Krankenhaus in Fulda sowie der Kindertagesstätte ihres zweijährigen Kindes aus früherer Ehe nicht mehr nähern darf. "Darauf hatten sich die beiden gemeinsam geeinigt", erklärt Seban später im Gespräch mit der Redaktion In der Zeit davor sei es zu körperlichen Übergriffen und Drohungen gekommen.

Auf Nachhauseweg verfolgt

Doch in der Nacht auf den 7. Dezember habe er wieder versucht, seine Ex-Freundin zu kontaktieren - erfolglos. "Daraufhin beschloss er, sie zu töten", ist die Staatsanwältin überzeugt. Am nächsten Morgen soll er ihr vor dem Herz-Jesu-Krankenhaus aufgelauert haben. Als die Ärztin nach ihrer Nachtschicht um 7.35 Uhr das Gebäude verließ und sich mit ihrem Auto auf den Nachhauseweg machte, folgte er ihr, schildert Seban, die davon ausgeht, dass die 35-Jährige den Angeklagten erkannt hatte, sie aber aufgrund des richterlichen Beschlusses nicht damit rechnete, dass sie in Gefahr schwebt: Sie fuhr, obwohl er ihr folgte, in den schlecht einsehbaren Hinterhof. Dort, hinter dem Mehrfamilienhaus in der Fuldaer Innenstadt, in dem sie wohnte, habe sie ihr Auto abgestellt. "Sie fotografierte den Angeklagten, der in seinem Auto saß, und ging dann zur Haustür." Oben in der Wohnung war ihr Kind in der Obhut der Großmutter.

Von der Tatwaffe fehlt jede Spur

"Sie klingelte. Das tat sie üblicherweise, um ihrem Sohn damit zu zeigen, dass sie heimkam", erklärt Staatsanwältin Seban. Doch weiter kam die 35-jährige Frau nicht. Ihr Ex-Freund sei ausgestiegen und habe ihr vermutlich mit einem Messer - von der Tatwaffe fehlt bislang jede Spur - "eine tiefe Schnitt- beziehungsweise Stichverletzung zugefügt". Die Wunde am Hals war sieben Zentimeter lang und sechs Zentimeter tief; die Ärztin verblutete innerhalb weniger Minuten vor ihrer Haustür liegend. Den plötzlichen Angriff habe sie gar nicht oder nicht rechtzeitig erkannt. "Sie war arg- und wehrlos, was er bewusst ausnutzte", so Seban.

Doch noch keine Aussage nach Sitzungsunterbrechung

Nach dem Verlesen der Anklage fragt Richter Josef Richter den Angeklagten, ob er sich zum Tatvorwurf äußern wolle. Der Verteidiger erklärt, dies wolle man "heute nicht tun". Der Angeklagte jedoch schüttelt den Kopf. Er zupft an seinem Mund-Nasen-Schutz, gestikuliert mit den Händen, die auf dem Tisch liegen. Er betont gegenüber seinem Anwalt, er wolle unbedingt aussagen.

Der junge Mann wirkt selbstbewusst, fast fordernd, als er mit seinem Anwalt spricht. Dieser bittet schließlich um eine kurze Sitzungsunterbrechung, redet auf seinen Mandanten ein - die Dolmetscherin vermittelt übersetzend zwischen beiden. Als die Verhandlung weitergeht, erklärt die Verteidigung, der 31-Jährige wolle sich am nächsten Verhandlungstag äußern - am kommenden Montag. Dann werden außerdem erste Zeugen gehört. Jessica Vey