Ulrike Abersfelder und ihre neue Kollegin Mina Friedlein sind dieser Tage viel unterwegs in Bad Brückenau. Nichts Ungewöhnliches für zwei Jugendarbeiterinnen. Doch erstens sprechen sie nicht nur junge Leute an. Und zweitens haben sie ein spezielles Anliegen: Sie fragen die Menschen, was sie in Bad Brückenau hält. Beziehungsweise warum sie hierher zurückgekehrt sind.

Man braucht nicht drumrumzureden: Bad Brückenau gilt vielen jungen Einheimischen als Ort, in dem nicht viel los ist und den man nach Schule und vielleicht Ausbildung schleunigst verlässt. Doch es gibt auch viele, die dableiben. Oder gar zurückkehren.

Deswegen wollen Friedlein und Abersfelder dieses Klischee in ihrer Befragung nicht bedienen. Sie soll positiv sein, unter dem Motto stehen: Was macht Bad Brückenau lebenswert? Womit identifiziert man sich hier besonders?

"Die Entscheidung, ob er irgendwo bleibt oder weggeht, hat jeder schon getroffen oder wird sie treffen. Wir wollen wissen, was die Beweggründe sind", sagt Mina Friedlein.

Die Befragung - sie gehört zum Projekt "Lebenswert" des 2010 gegründeten Vereins "Pro Jugend im Landkreis Bad Kissingen". Es läuft neben Bad Brückenau noch in zehn anderen Gemeinden, die Mitglied im Verein sind. Der bietet fachgerechte Jugendarbeit an, die die Kommunen als freiwillige Leistung buchen können. Die Arbeit von Friedlein fördert der Landkreis.

Ulrike Abersfelder verweist auf eine Studie der Katholischen Landjugendbewegung Deutschlands (KLJB) in drei Städten Bayerns. Demnach waren gar nicht so die Infrastruktur mit tollen Einkaufsmöglichkeiten, Kunst und Kultur entscheidend für ein Bleiben im Ort.Wichtiger waren sogenannte "weiche Faktoren" wie die Familie, die Dorfgemeinschaft, das Vereinsleben - und das Heimatgefühl. Abersfelder und Friedlein wollen wissen, ob das auch für Bad Brückenau gilt.

Dazu wollen sie 30 bis 40 Menschen aus der Kernstadt und ihren Ortsteilen interviewen. Darunter "Würdenträger", wie Bürgermeister, Stadträte, Schulleiter, Vereinsvorsitzende, Gastronomen, Einzelhändler oder Pfarrer. Aber eben auch Menschen jeden Alters, die sie wahllos auf der Straße ansprechen oder die Abersfelder aus der Jugendbetreuung kennt.

Zehn Interviews sind abgeschlossen, aber noch nicht ausgewertet. Abersfelder kann verraten, dass Natur und die Familie in der Nähe eine große Rolle spielen.

Bei der Projektvorstellung im Stadtrat fragte Emanuel Fritschka (PWG) kritisch, ob die geringe Zahl der Befragten statistisch ausreiche. Abersfelders antwort: "Wir haben bewusst die qualitative Methode gewählt und nicht einfach jede Menge Fragebögen rausgeschickt." Die meisten Studien in der Sozialforschung seien qualitativ; in Einzelinterviews könne man besser nachfragen, ergänzt sie. So würde die Sache doch aussagekräftig.

Die nächsten drei bis vier Monate sind die beiden Jugendarbeiterinnen - neben ihren anderen Aufgaben - mit der Befragung beschäftigt. Dabei allein soll es nicht bleiben. Ulrike Abersfelder schweben Workshops vor, in denen die Befragten - aber auch andere - sich einbringen und gehört werden. Die Stadt könnte Handlungsempfehlungen an die Hand bekommen, wie sich Einwohner in Bad Brückenau halten ließen. "Am Ende könnte sogar so etwas wie eine Marke für die Stadt herauskommen."

Die Integration ist Mina Friedleins wichtigste Aufgabe

Mina Friedlein ist als Sozialarbeiterin seit Januar neu in Bad Brückenau. Die 22-Jährige stammt aus Poppenlauer und studiert in Coburg Soziale Arbeit auf Bachelor. Das Studium wird sie im nächsten Viertel- bis halben Jahr abschließen. Um in die Praxis hineinzukommen, arbeitet Friedlein zehn Stunden pro Woche für den Verein "Pro Jugend im Landkreis Bad Kissingen". Am Volkersberg gestaltete sie die Tage der Orientierung mit und machte eine Ausbildung zur Zirkustrainerin. In Bad Brückenau fungiert Friedlein als Ansprechpartnerin und Beraterin für einzelne Jugendliche und in der Gruppe, betreibt aber auch Netzwerkarbeit mit Partnern wie Jugendamt, Polizei oder Schulleitungen. Ein wesentlicher Teil ihrer Arbeit ist die Integration von Jugendlichen, die außerhalb des Lebens im Ort stehen. Diese will sie zum Beispiel an Vereine oder Jugendgruppen binden. In Coronazeiten ein schwieriges Unterfangen. Sie treibt auch Projekte wie "Lebenswert" voran, bei dem Integration eine große Rolle spielt.