45 Kerzen. 45 Namen. Betroffene Stille. Nach und nach wurde der Davidstern auf dem Platz vor dem Alten Rathaus in Bad Brückenau immer heller. Jede Kerze stand für ein grausam ausgelöschtes Menschenleben. Für einen Menschen mit Namen, Geburtsdatum, Familie, Träumen und Wünschen. Für ein Schicksal. 45 Kerzen brannten für 45 jüdische Mitbürger, die von den Nazis aus Bad Brückenau deportiert wurden.

Am Abend des 9. Novembers erinnerten Oberstufenschüler des Franz-Miltenberger-Gymnasiums, gemeinsam mit Bürgermeister Jochen Vogel, Diakon Kim Sell und Pfarrer Gerd Kirchner sowie einer Reihe Bürgern an die Reichspogromnacht, die vor mehr als 80 Jahren, in der Nacht vom 9. auf den 10. November das offizielle Signal für den größten Völkermord in Europa war.

Leuchtende Kerzen und eine weiße Rose

Die Schüler waren schon durch Bad Brückenau gegangen und hatten an jedem Stolperstein in der Stadt eine Kerze entzündet. Die Stolpersteine erinnern daran, wo es früher jüdisches Leben in Bad Brückenau gab. Auf dem Koffer, der im Rahmen des Projektes "DenkOrt Deportationen" in Bad Brückenau aufgestellt wurde, lag eine weiße Rose und brannte eine Kerze. Das identische Gegenstück zum Koffer steht am Mahnmal Deportationen am Hauptbahnhof in Würzburg. Jedes Gepäckstück steht für verlorene Leben.

Bürgermeister erinnert an Vergangenheit

Bürgermeister Jochen Vogel erinnerte in seiner Ansprache an die "Machtergreifung" der NSDAP 1933. Das Leben für jüdische Bürgerinnen und Bürger in Deutschland wurde immer gefährlicher. Nachdem zahlreiche Juden durch das Berufsbeamtengesetz ihre berufliche Existenz verloren hatten, legitimierten die Nürnberger Rassengesetze 1935 deren politische und soziale Ausgrenzung. In der Folgezeit verschärften sich die Diskriminierungen der Juden, in dem sie auch aus dem Wirtschaftsleben ausgeschaltet werden sollten. Für die Rüstungspolitik sah die deutsche Reichsregierung die Zwangsenteignung jüdischer Geschäfte vor.

In der sogenannten Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 erreichte der staatliche Antisemitismus im "Dritten Reich" eine neue Dimension. SA- und SS-Truppen plünderten jüdische Geschäfte und setzten Synagogen in Brand. Als Vorwand nutzten die Nationalsozialisten die Ermordung eines deutschen Botschafters in Paris durch den Juden Herschel Grynszpan, der gegen die Deportierung von polnischen Juden nach Polen protestiert hatte. Die Reichspogromnacht hatte neben den Gewaltaktionen auch die Verschleppung von 30.000 Juden in die Konzentrationslager nach Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen durch SS und Gestapo zur Folge. Für Juden war das Leben im "Dritten Reich" nahezu undenkbar geworden. Durch Zwangsenteignungen und Berufsverbote wurde ihnen ihre soziale Existenz genommen. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs steigerte sich der Antisemitismus mit der systematischen Verschleppung von Juden in osteuropäische Konzentrations- und Vernichtungslager.

Schüler bereiten Gedenkfeier vor

Mit den Namen der Brückenauer Juden verlasen die Schülerinnen und Schüler auch die Orte, wohin sie deportiert wurden: Riga, Kaunas, Izbica, Trawniki, Majdanek, Gurs, Theresienstadt, Minszk, Sobibor, Beilmünster, Piaski und Auschwitz. Die Jugendlichen haben sich im Rahmen des Projektseminars "Schule ohne Rassismus und Schule mit Courage" dem Thema gewidmet und die Gedenkfeier vorbereitet. Christina Stretz war am Tag nach der Veranstaltung mit der Beteiligung der Bevölkerung zufrieden. "Wobei es mehr hätten sein können."

"Dass so etwas nie wieder passiert, sind wir aufgefordert, die Geschichte lebendig zu halten und gegen das Vergessen zu arbeiten, zu diskutieren und zu argumentieren", machte Bürgermeister Vogel Mut, Courage zu zeigen. Das gehe nur im Miteinander und nicht nur in Bad Brückenau. "Dazu braucht es ganz Europa und schlussendlich die ganze Welt. Denn wer die Geschichte nicht kennt, ist verdammt, sie nochmal zu durchleben."

Den Rahmen um die Veranstaltung stellten der katholische Diakon Kim Sell und der evangelische Pfarrer Gerd Kirchner. Leise Gitarrenmusik und einfühlsame Worte, die berührten, ebenso wie das gemeinsam gebetete Vater Unser. Stille machte sich breit. Nachdenkliche Stille, während die Kerzen brannten.

Wie hätte man selbst gehandelt?

Wie hätte man selbst gehandelt? Damals. 1938. Aufgestanden? Courage gezeigt? Mitgelaufen? Geschwiegen? Weggeduckt? Mit den Worten von Martin Niemöller (1892 bis 1984), eines lutherischen Pfarrers, der sich offen gegen Adolf Hitler aussprach und die letzten sieben Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft in Konzentrationslagern verbrachte, wurden die Menschen in die Nacht entlassen: "Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Gewerkschaftler holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschaftler. Als sie die Juden holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Jude. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte."