Im letzten Quartal des vorigen Jahrhunderts schossen sie wie die sprichwörtlichen Pilze aus dem Boden. In Deutschland lag die Installation von Fußgängerzonen voll im Trend. Hatte es in den 1970er-Jahren einen Boom beim Bau von Hallenschwimmbädern gegeben, so waren einige Dekaden später die Flaniermeilen unterschiedlicher Größenordnungen angesagt.

In erster Linie ging es darum, den motorisierten Verkehr in den Innenstädten ganz wesentlich zu reduzieren. Aber irgendwo mussten die Autofahrer ja hin, der Verkehrsfluss sollte weiter funktionieren. Umgehungsstraße hieß hier das Zauberwort. In Bad Brückenau erwies sich diese Thematik seinerzeit als gar nicht so neu. Bereits 1922 hatte es erste Beratungen im Stadtrat gegeben, da die Ludwigstraße schon damals - man höre und staune - überlastet war. Es dauerte dann noch exakt 70 Jahre mit vielen Höhen und Tiefen sowie einem umfangreichen Paket von Vorschlägen zur Trassenführung, bis schließlich im Herbst 1992 der erste Spatenstich für das viel zitierte Jahrhundert-Bauwerk erfolgte. Im Rahmen des Stadtfestes Mitte Juni 1996 wurde die Umgehungsstraße offiziell für den Verkehr freigegeben. Weit über 1000 Schaulustige aus der gesamten Region waren bei diesem Ereignis vor Ort dabei.

Neues Zeitalter sollte in Bad Brückenau anbrechen

Da viele Baumaßnahmen parallel und gut koordiniert verlaufen waren, konnte zum gleichen Zeitpunkt auch die Fußgängerzone eröffnet werden, auf die sowohl Anlieger als auch Einkaufsbummler sehnsüchtig gewartet hatten. Ein neues Zeitalter sollte in Bad Brückenau anbrechen. Alle sahen sich gut auf die veränderte Situation vorbereitet, die der Stadtrat unter Hinzuziehung mehr oder minder erfahrener Experten bei unzähligen Erörterungen und im Rahmen detaillierter Ortsbesichtigungen durchgespielt hatte.

Nicht immer wurde im Vorfeld auf die fundierten Ratschläge der Fachleute gehört, was sich erst viel später als Fehler herausstellte. So hatte beispielsweise ein Kenner der Materie für die Ansiedlung bekannter Filialisten als sogenannte Magnetbetriebe plädiert. Davon wollten die Bad Brückenauer aber damals nichts hören. Mehrheitlich herrschte bei den Verantwortlichen die Meinung vor, dass die heimische Geschäftswelt gut das von den Bürgern benötigte Warensortiment abdecken würde. Fremde von weither brauche man nicht.

Besucherfrequenz nahm mehr und mehr ab

Die anfängliche Euphorie über die Fußgängerzone war aber schon nach wenigen Jahren verflogen, die Besucherfrequenz nahm mehr und mehr ab. Politisch Verantwortliche und auch die Gewerbetreibenden hatte den Kunden ganz einfach falsch eingeschätzt. War der es aus der Vergangenheit gewohnt, sein Auto bequem während des Einkaufs praktisch direkt vor dem Geschäft abzustellen, so sollte er plötzlich außerhalb der Ludwigstraße parken und ein paar zusätzliche Meter laufen. Das wollte einfach nicht in die Köpfe.

Dieser Aspekt ist nur einer von vielen Punkten, die die örtliche Fußgängerzone in den vergangenen 25 Jahren nicht unbedingt zum Erfolgsmodell werden ließen. Denn überall setzte in Städten der Größenordnung Bad Brückenaus ein allgemeines Ladensterben ein, dessen Gründe sich ganz unterschiedlich gestalteten. Da ist die Stadt an der Sinn kein Einzelfall. Aber gerade auch hier fanden beispielsweise Firmeninhaber keine geeigneten Nachfolger, Unternehmer beklagten die in ihren Augen zu hohen Mieten in renovierungsbedürftigen Häusern, das gastronomische Angebot war nicht attraktiv genug, der Warenmix stimmte einfach nicht mehr. Darüber hinaus siedelten sich in der Peripherie zunehmend gut laufende Supermärkte bekannter Handelsketten mit ausreichend Parkplätzen direkt vor der Tür an, in der Sinnau entstand sogar ein völlig neues Geschäftszentrum.

Gesundheitsreform hinterließ Spuren

Und auch die Gesundheitsreform hinterließ merklich ihre Spuren. Zahlungskräftige Kurgäste, die in der Vergangenheit gern in den Gaststätten der Stadt eingekehrt waren, sich in den Läden spontan ein modisches Kleidungsstück oder ein Souvenir gekauft hatten, kamen so gut wie gar nicht mehr in die Ludwigstraße.

Kommunalpolitiker aller Fraktionen bemühten sich in den zurückliegenden zweieinhalb Jahrzehnten kontinuierlich, die Fußgängerzone attraktiver zu gestalten und die heimische Geschäftswelt zu beleben. Ganze Bände füllen die Protokolle der entsprechenden Stadtratssitzungen mit immer neuen Vorschlägen. Aber gut gemeint ist nicht immer gut gemacht, wie regelmäßig schon kurze Zeit später die Praxis zeigte. Lediglich beim alljährlichen Stadtfest sowie beim Frühlings- und Herbstmarkt herrschte richtig Betrieb. Aber das war nicht mehr als der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein.

Kompletter Rückbau kurz im Gespräch

Allen Menschen recht getan ist eine Kunst, die niemand kann. Wohl kaum eine andere Volksweisheit schildert besser die Situation in der Bad Brückenauer Innenstadt. Interessenkonflikte sind überall offensichtlich. Die noch verbliebenen Händler, Gastronomen und Dienstleister sehen die Stadt in der Pflicht, sichtbare Beiträge zur Stärkung der Ludwigstraße zu leisten. Die Verantwortlichen im Rathaus argumentieren dagegen immer wieder, dass die Firmeninhaber das Heft des Handelns verstärkt selbst in die Hand nehmen müssten.

Immer wiederkehrenden Unkenrufen und Widrigkeiten zum Trotz, sogar ein kompletter Rückbau war einmal kurzfristig im Gespräch, existiert die Fußgängerzone auch heute noch. Und ein 25-jähriges Jubiläum ist in unserer schnelllebigen Zeit ja durchaus keine Selbstverständlichkeit mehr.