Das Bild ließe sich fast romantisch nennen: eine Kette aus warmen Lichtern, die sich schlangenförmig den Höhenrücken hinaufzieht. Vom Tal steigt - als Kontrast - kalter Nebel auf. Doch das, was sich am Samstagabend zwischen Staatsbad Brückenau und Züntersbach abspielte, besaß einen ernsten Hintergrund: Etwa 150 Züntersbacher vollzogen mit Fackeln den möglichen Verlauf der P43-Höchstspannungstraße nach. Ein stiller, aber eindrucksvoller Protest, der Teil einer größeren Aktion war.

Kurz nach 21 Uhr; die Dämmerung legt sich über die Landschaft an der Grenze der beiden Bundesländer Bayern und Hessen. Plötzlich gellt der Ton zweier Martinshörner durch die Luft, ausgelöst von zwei Wagen der Freiwilligen Feuerwehr Sinntal-Züntersbach.

Es ist ein Signal. Umgehend blitzen auf dem Wander- und Wirtschaftsweg, der den Höhenzug krönt, Lichter auf. Fackelträger haben sie fast gleichzeitig entzündet. Zuvor hatten sie sich - coronakonform - im Abstand von zehn bis 15 Metern an der Strecke aufgestellt.

1,8 Kilometer Länge umfasst die Menschen kette, die sich von der Lauseiche bis zur Richardsruh, und dann weiter über die L3180 Richtung Fondsberg und Angel zieht, weiß Züntersbachs Ortsvorsteher Harald Stelzner.

Nicht nur in seinem Ort wird demonstriert, sondern auch in anderen Teilen der Großgemeinde Sinntal: bei Oberzell, zwischen Schwarzenfels und Weichersbach, bei Sterbfritz. Stelzner spricht von "13 Kilometern Lichterkette, mit annähernd 1000 Personen".

Region massiv betroffen

Denn die Region wäre massiv von der auch Fulda-Main-Leitung genannten 380-Kilovolt-Höchstspannungsleitung zwischen Mecklar in Hessen und Bergrheinfeld betroffen - mit 65 Meter hohen Masten auf 70 Meter breiten Schutzstreifen, die von Bewuchs freizuhalten wären. Im November vergangenen Jahres präsentierte der Übertragungsnetzbetreiber Tennet dazu mehrere mögliche Trassenkorridore. Sie führen unter anderem entlang der A7, der ICE-Strecke Fulda-Würzburg oder auch der Ferngasleitung Sannerz - Rimpar in südliche Richtung.

Eine Ausweichvariante könnte aber auch von der Rhönautobahn mitten zwischen Staatsbad und Züntersbach hindurch südwestlich Richtung ICE-Strecke verlaufen. Deswegen demonstrierten die Züntersbacher mit.

Anneliese und Hermann Kötterheinrich wären unmittelbar von der Stromleitung betroffen. Auf ihren Wiesen und Feldern oberhalb Züntersbachs kämen die Masten zu stehen. "Das würde die ganze wunderschöne Natur verschandeln, so nahe beim Staatsbad Brückenau", sagt die 74-Jährige.

Die Ur-Züntersbacherin kennt die Landschaft an der Stelle zeitlebens nicht anders. Aber sie weiß, was ein Großprojekt anrichten kann. Vor dem Krieg gruben Arbeiter oberhalb Züntersbachs Löcher und füllten sie mit Steinen auf. Das sollte Brückenpfeilern für die nie fertiggestellte Reichsautobahn ("Strecke 46") als Fundament dienen. Noch heute, erzählt Anneliese Kötterheinrich, würde die Landwirtschaft diese Steine zutage fördern.

Ein Züntersbacher, der die P43 in Sichtweite hätte, fordert, "dass die Stromtrasse in die Erde kommt, auch wenn es technisch schwierig und der Invest zunächst größer wäre". Doch danach frage in zehn Jahren niemand mehr. Zudem hält er das gesamte Projekt für "fragwürdig" und ein "großes Geschäftsmodell".

Harald Stelzner hat beim Protest, den mehrere Ortsbeiräte in der Großgemeinde organisierten, nicht nur Züntersbach im Blick. Es gehe vor allem um Wertschätzung und Wahrung des prägenden Landschaftsbildes von Sinntal inklusive des Wahrzeichens Burg Schwarzenfels.

Eine Viertelstunde vor 22 Uhr; die Martinshörner ertönen erneut: Die Protestaktion ist beendet. Die Demonstranten gehen heim. Einige ihrer Fackeln waren eh erloschen. Der Ortsvorsteher klingt zufrieden: "Wir wollten ein Zeichen setzen. Das ist uns gelungen."

Bleibt zu klären, warum es am Samstagabend im Landkreis Bad Kissingen keine vergleichbaren Aktionen gab. Das hätte den Protest sicher noch verstärkt. Und Bad Brückenau, Zeitlofs oder Wartmannsroth betreffen mögliche Trassenverläufe ganz genauso.

Zeitlofs' Bürgermeister Matthias Hauke sagt, dass man zwar von der Aktion in Sinntal gewusst habe. Doch dafür, so etwas auf Landkreis-Ebene zu organisieren, habe die Zeit gefehlt. Bei so etwas sieht er eher die Bürgerinitiativen in der Pflicht. "Mahnfeuer sind Aktionen von Bürgern, nicht Rathäusern." Ortsverwaltungen müssten "sachlich, fachlich und neutral bleiben". Dazu komme die Ausgangssperre in Bayern ab 22 Uhr und dass es problematisch sei, gezielt Menschenmassen zu versammeln.

Immerhin: Haukes Stellvertreter Volker Roth und Brückenaus Stadtchef Jochen Vogel (CSU) bereicherten die Menschenkette in Schwarzenfels mit ihrer Präsenz.