Krankhaft eifersüchtig, kontrollsüchtig, aggressiv - so beschreiben Zeugen im Mordprozess in Fulda den Angeklagten. Er soll seine Ex-Freundin, eine 35-jährige Ärztin, im Dezember getötet haben. Der 31-jährige Osteuropäer bestreitet die Tat.

Glückliche Beziehung?

Der Angeklagte hatte in seiner Aussage das Bild einer glücklichen Beziehung gezeichnet: mit einem Heiratsantrag nach vier Monaten im März 2020, mit gegenseitigen Geschenken, Respekt und ohne Krisen. Ob er jemals aggressiv gegenüber seiner Freundin gewesen sei? - Nein, niemals, sagte er.

Doch aus gut einem Dutzend Zeugenaussagen ergibt sich ein anderes Bild.

Zeugen: Situation eskalierte

Am dritten Prozesstag schilderten Zeugen, wie die Situation besonders nach der Trennung im Herbst 2020 mehr und mehr eskalierte. Auch der Ex-Ehemann der Getöteten sagte gestern aus. Er ist der Vater des hinterbliebenen zweijährigen Sohnes - und Nebenkläger in dem Prozess. Zwölf Jahre lang waren der 41-jährige Zahnarzt und die 35-jährige Ärztin verheiratet. Sie hatten zusammen studiert, lebten im Kreis Fulda - zuletzt in einer Wohnung in der Fuldaer Innenstadt. Bis zur Trennung Mitte 2018.

"Sie wollte keinen Stress"

Der Zahnarzt, der mittlerweile in Stuttgart wohnt, kannte den neuen Freund seiner Ex-Frau nicht - bis zu einem "ungewollten Treffen" letztes Jahr im August, als Vater, Mutter und Sohn auf einem Indoor-Spielplatz bei Fulda waren. Der damals 30-jährige Angeklagte sei dort einfach aufgetaucht, habe den Jungen auf den Arm genommen und das Treffen für beendet erklärt. Er sei forsch und dominant gewesen. Die 35-Jährige habe hektisch alles zusammengepackt. "Sie war verunsichert, sie wollte keinen Stress und ging mit ihm", beschrieb der Ex-Mann seinen Eindruck.

Einige Wochen später trennte sie sich von dem Angeklagten. Der 30-Jährige kontaktierte daraufhin plötzlich den Ex-Mann: "Er erzählte mir, dass sie mit unserem Sohn unverantwortlich umgehe, dass sie ihn vernachlässige. Er wollte sie in ein schlechtes Licht rücken und mich auf seine Seite ziehen, um ihr das Sorgerecht zu entziehen. Für mich klang das nach Rache für die Trennung. Er wollte ihr schaden."

Für ihn, der "arbeits- und mittellos" war, sei ein "sicheres Nest verloren gegangen", erklärte der Ex-Mann seine Einschätzung, die er heute im Rückblick habe. Der Angeklagte habe bei der Ärztin gewohnt und sei von ihr finanziell abhängig gewesen; zu dem Sohn habe er eine enge Beziehung aufgebaut.

Kollegen eingeweiht

Der 41-Jährige fragte seine Ex-Frau damals, was da los sei - das war im November. "Sie erklärte mir, er sei durchgedreht. Er habe sie an den Haaren gezogen, an die Wand gedrückt und gewürgt." Sie sagte ihrem Ex-Mann, dass sie Anzeige erstattet und ein Kontaktverbot beantragt habe. Ihr Ex-Freund lauere ihr ständig auf, und er bedrohe sie. Schließlich weihte sie auch ihr Kollegen-Team am Herz-Jesu-Krankenhaus ein, wo sie als Chirurgin arbeitete. Sie bat darum: Wer ihren Ex-Freund am Krankenhaus sehe, solle dies umgehend melden und niemals den genauen Aufenthaltsort der Ärztin herausgeben.

Beschuldigungs-Mails an die Geschäftsführung

Viele Mitarbeiter wussten bereits von den Problemen - denn der Angeklagte hatte im Oktober und November ein Dutzend Mails an die Geschäftsführung des Krankenhauses geschickt - immer mit demselben Inhalt: dass die 35-jährige Ärztin mit einem anderen Arzt während der Dienstzeit schlafe und dass sie Medikamente aus dem Krankenhaus stehle, um sie zu verkaufen.

Dass sie ein Verhältnis mit einem Arzt gehabt haben soll, das hat den Angeklagten sogar dazu bewegt, den angeblichen Liebhaber in der Notaufnahme aufzusuchen. Dieser sagte gestern vor Gericht, er habe seine Kollegin nur einmal privat angerufen, um eine dienstliche Frage zu klären. Der Angeklagte habe daraufhin ein Verhältnis unterstellt und ihm erklärt: "In seiner Kultur mache man das nicht, dass man die Frau eines anderen anruft." Auf ihn habe er krankhaft eifersüchtig gewirkt, sagte der Zeuge.

"Als sie Hilfe brauchte, war keiner da"

Den Ex-Mann hatte Richter Josef Richter gestern schließlich noch nach dem Befinden des zweijährigen Sohnes gefragt. "Er ist bei meinen Eltern in Baden-Baden", sagte der 41-Jährige. Er habe am Anfang sehr oft nach seiner Mama gefragt und sie gerufen. Ich habe ihm dann gesagt: "Sie ist jetzt im Himmel bei den Engeln." Der 41-Jährige selbst sei in psychologischer Behandlung gewesen, nachdem der Mord an seiner Ex-Frau passiert war. "Ich habe noch nie so viel geweint", schilderte er und sagte: "Es ist doch eine Ironie. Sie hat als Ärztin so vielen Menschen das Leben gerettet. Aber in dem Moment, als sie Hilfe brauchte, war keiner da. Dass ihr Leben auf diese Weise endete, das ist sehr schwer zu verkraften."

Die Verhandlung wird am Dienstag, 4. Mai, um 9.30 Uhr fortgesetzt. Jessica Vey