Man ist ja schon glücklich, wenn überhaupt etwas stattfinden kann in diesen schwierigen Zeiten - wie jetzt das Neujahrskonzert des Bayerischen Kammerorchesters Bad Brückenau. Eigentlich hätte das schon längst Geschichte sein sollen, denn ursprünglich sollte es den Konzertreigen des letzten Jahres am 16. Januar 2021 einläuten. Aber damals gab es keine andere legale Möglichkeit als das Konzert auf unbestimmte Zeit zu verschieben.

Die war jetzt endlich gekommen: am Dreikönigstag. Aber auch nicht so ohne Weiteres. Denn aufgrund der aktuellen Hygienevorschriften musste das Publikum stark reduziert werden, was dadurch wenigstens ein bisschen ausgeglichen wurde, dass das Konzert zweimal gespielt wurde. Das war allerdings nur möglich durch eine Kürzung des Programms, weil auch Konzertpausen nicht sein durften.

Das klingt alles ein bisschen traurig oder deprimierend. Aber wer gekommen war und sich umschaute, konnte genau das Gegenteil beobachten: Es herrschte allgemeine Freude und eine gewisse Erleichterung, dass Live-Musik wieder möglich war, und zwar nicht nur beim Publikum, sondern auch bei den Musikern, die endlich wieder einmal für und vor echten Menschen - also keinen Pappkameraden - gemeinsam ihrem Beruf nachgehen konnten. Die gute Laune lag allerdings auch an dem Programm, das der Chef, Sebastian Tewinkel, bereits vor einem Jahr zusammengestellt hatte. Es war an Kompaktheit und inneren Bezeigungen kaum zu überbieten.

Moz-Art à la Haydn

"Licht" hieß das Thema des Konzerts, und das spielte in allen drei Werken eine entscheidende Rolle. Den Auftakt machte Alfred Schnittke mit seinem "Moz-Art à la Haydn", gefolgt von genau den beiden, die ja auch phasenweise in sehr engem Kontakt standen: Wolfgang Amadeus Mozart mit seiner Sopranmotette "Exsultate, jubilate" KV 165 und Joseph Haydn mit seiner D-dur-Sinfonie Nr. 6 mit dem Beinamen "Le Matin" ("Der Morgen"). Geopfert werden musste Benjamin Brittens Liederzyklus "Les illuminations" nach Texten von Arthur Rimbaud.

Nicht ganz überraschend beginnt das Konzert rätselhaft, was der Titel schon andeutet: "Moz-Art à la Haydn - Spiel mit Musik für zwei Violinen, zwei kleine Streichorchester, Kontrabass und Dirigenten". Der Dirigent wurde von Schnittke wohl bewusst genannt, denn manchmal klingt die Musik, als gäbe es keinen. Wobei der Dirigent zunächst überhaupt nichts ausrichten kann, denn das Konzert beginnt in völliger Dunkelheit. Die Musiker tasten sich auf die Bühne, und da natürlich niemand Noten lesen kann, improvisiert jeder ein bisschen vor sich hin.

Ironisierung des Mozartkults

Erst bei einem wilden Tremolo der Sologeigen geht plötzlich das Licht an, und es wird klar, was Schnittke eigentlich wollte, indem er Zitate aus Mozarts Fragment gebliebener Faschingspantomime KV 446 und Haydns "Abschiedssinfonie" nicht kombiniert, sondern mit gewollten Verschiebungen ganz gezielt gegeneinanderstellt. Natürlich ist da eine Ironisierung des Mozartkults oder der Begeisterung für Haydns originellen Sinfonieschluss, der hier genau in der Umkehrung erscheint - und am Ende auch im originalen Ablauf.

Aber es ist auch ein Vergnügen an der Verfremdung der Musik seiner beiden klassischen Lieblinge und in ihrer etwas ungelenken, verschobenen Art - wie das Spiel von schwer zu beherrschenden Marionetten. Und genau das schafften Sebastian Tewinkel und seine Leute mit großer Konzentration und trotzdem Lockerheit: die präzise Darstellung der Ungenauigkeit. Die Aufmerksamkeit des Zuhörers geriet in ein hochfrequentes Hin- und Herspringen.

Auf den Melodien surfen

Mozarts Sopranmotette "Exsultate, jubilate" ist ein absolutes Lieblingsstück bei Publikum und Musikern gleichermaßen, denn man kann sich nicht nur beim Zuhören, sondern auch beim Spielen so wunderbar in die Kurven legen, kann auf den Melodien surfen. Vor allem, wenn sie so gespielt werden, wie die Brückenauer das taten. Sebastian Tewinkel ließ sich nicht von dem Hinweis beeindrucken, dass es sich hier um ein geistliches Werk handele, das eine gewisse Ernsthaftigkeit oder Ehrfurcht erfahren müsse, sondern er machte daraus eine "Opera buffa piccola". Schließlich ist die Aufforderung zum Jauchzen und Frohlocken ja alles andere als trübsinnig. Und so feuerte er seine Musiker, Streicher und Bläser gleichermaßen an, forderte starke Tempi, ohne die Strukturen verwischen zu lassen, rückte die Virtuosität in den Vordergrund.

Er hatte allerdings eine Solistin an seiner Seite, die das offensichtlich genauso sah: Die norwegische Sopranistin Berit Norbakken kommt aus dem wunderschön gelegenen Städtchen Tromsø. Wenn sie aus ihrem Küchenfenster schaut, kann sie das sehen, wofür wir hier Tausende Euro an die Reisebüros abdrücken müssen: Nordlichter. Aber sie schient doch gerne gekommen zu sein, denn sogar in Bad Brückenau ist es zurzeit wenigstens ein paar Stunden hell. Berit Norbakken ließ sich von den Tempi nicht beeindrucken, sondern forcierte in den Kadenzen und Melismen sogar noch ein bisschen. Sie hat eine erstaunlich stabile Stimme, die trotzdem nicht nur höchst beweglich, sondern auch sehr genau ist. Und so konnte sie den virtuosen Vorlagen der Instrumente mühelos Kontra bieten. Ein paar Sätze mehr hätte Mozart schon schrieben können.

Klangmetapher für die aufgehende Sonne

Den Abschluss des Konzerts bildete der Morgen: Haydns erste "Tageszeiten"-Sinfonie D-dur Hob. I:6 "Le Matin", schon deshalb bestens zum Thema passend, weil der Beginn des ersten Satzes eine wunderbare Klangmetapher für die aufgehende Sonne ist. Und auch deshalb, weil "Licht" hier auch ein Stück weit "Rampenlicht" bedeuten kann. Denn Haydn komponierte viele Solostellen für seine Musiker in die Partitur, die sich damit dem neuen Dienstherrn präsentieren konnten.

Und jetzt konnten die Musiker nach ihrer Quarantäne wieder eigenes Profil zeigen. Ansonsten hatte Sebastian Tewinkel auch hier großen Wert auf die unterhaltsamen Aspekte gelegt, auf farbige Kontraste, auf eine tänzerische Agogik, wo immer möglich, auf klingende Leichtigkeit. Ein echter Gute-Laune-Abschluss.

Obwohl: Britten gab es doch noch: Als Zugaben nach Mozart und zum Abschluss sang Berit Norbakken zwei Lieder aus den "Illuminations" - eine wunderbare Musik, wunderbar gesungen und gespielt. Aber so ganz enttäuscht konnte man über die Absage nicht sein, denn die Aufführung hätte dem Zuhörer viel abverlangt: eine enorme stilistische Umstellung.