Wenn man sozusagen eine tönende, eierlegende Wollmilchsau sucht - also ein Musikstück aus der Klassik, das natürlich auch aus der Romantik stammen darf, das für ein kleines Orchester geschrieben ist, das Ohrwürmer erzeugt, das Humor versprüht und trotzdem auch kleinere Kinder und deren Urgroßeltern erreicht - dann müsste man eigentlich sehr lange suchen. Aber es gibt ein Werk, das immer sofort die Hand hebt, wenn die Suche beginnt: "Le Carnaval des animaux" oder "Der Karneval der Tiere" des Franzosen Camille Saint-Saëns, dem man diesen Humor eigentlich nicht zutrauen würde.

Nicht nur, weil der Untertitel schon ein bisschen lustfeindlich klingt: "Grande fantaisie zoologique" (große zoologische Fantasie). Auch nicht, weil der Komponist auf fast allen Bildern als alter, etwas melancholischer Mann mit Rauschebart zu sehen ist. Und auch nicht, weil er mit höchst ernsthaften Werken wie dem "Totentanz" oder seinem Cellokonzert, zwei höchst ernsthaften Nummern, berühmt geworden ist.

Aber es ist ja auch kein Wunder, denn Saint-Saëns war sein Humor selbst suspekt, er traute ihm und sich nicht. Der "Carnaval" war ja ursprüngliche eine 14-teilige Folge von kurzen Sätzen, die der junge Klavierlehrer Saint-Saëns für den Gebrauch im Unterricht geschrieben hat - also nichts für die Öffentlichkeit. Als er 1868 kurzfristig eine kleine Faschingsmusik brauchte, arbeitete er diese Skizzen oder Etüden um für eine Besetzung mit zwei Pianisten und kleinem Orchester.

Aus dem Verborgenen zum meistgespielten Werk des Komponisten

Die Pariser, die bei der Uraufführung dabei waren - und auch sein Verleger Jacques Durand - drängten ihn, das kleine Œuvre (Kunstwerk) zu veröffentlichen, aber er lehnte rigoros ab; so weit reichte sein Humor dann doch nicht. Denn zum einen hatte er Angst, seinen Ruf als "seriöser Komponist" zu beschädigen. Zum anderen hatte er Kollegen zitiert und parodiert, unter ihnen Offenbach, Mendelssohn, Rossini oder Berlioz. Die hätten zwar alle nicht protestieren können, weil sie schon tot waren. Aber mit ihren Fans wollte er es auch nicht verderben.

Glücklicherweise hat Saint-Saëns die Partitur nicht weggeworfen. Durand brachte sie zwei Wochen nach seinem Tod heraus, und sie wurde aus dem Stand zum meistgespielten Werk des Komponisten.

Das ist kein Wunder, denn der "Karneval der Tiere" ist bestens geeignet, Kindern die Türen zur klassischen Orchestermusik in einer ersten Begegnung weit zu öffnen - besser als etwa der recht abstrakt-akademische "The Young Person's Guide to the Orchestra" von Benjamin Britten oder "Peter und der Wolf" von Sergej Prokofiew, der sich zwar auch recht gut szenisch einrichten lässt, allerdings mit einem hinderlichen Anteil von Angst und Gewalt und möglichem Tod. Denn wie kommt die quakende Ente wieder aus dem Bauch des gefangenen Wolfes heraus?

Vertraute Kasperltheater-Strukturen

Bei Saint-Saëns ist das alles ein großer Spaß, ein ausgelassenes Fest, zu dem sich 8000 Tiere in einer Arena treffen, um unbeschwert miteinander zu feiern. Und Moderator und Dirigent Carlos Dominguez-Nieto, der die Kinder aus den umliegenden Grundschulen im König-Ludwig-I.-Saal begrüßte, nahm sie auch gleich mit in dieses turbulente Treiben. Er machte das recht geschickt, indem er mit vertrauten Kasperltheater-Strukturen begann: "Seid ihr alle da?" Das erste "Ja!" war natürlich viel zu leise; er gab sich erst mit einem "Jaaaaaa!" zufrieden. Und dann suchte er erst einmal das direkte Gespräch mit den Kindern. Wer von ihnen denn ein Instrument spielt? Erstaunlich - oder erfreulich - viele Finger gingen nach oben. Spitzenreiter war nicht überraschend das Klavier. Dann stellte er die einzelnen Instrumente der neun Musiker des Brückenauer Kammerorchesters vor, ließ sie kleine Zitate spielen, um die Kinder mit dem Klang vertraut zu machen. Klar, dass sie bei der Aufführung auf diese Stellen warten würden.

Kinder als Maestro bzw. Maestra

Und was macht ein Dirigent? Eine überraschende Frage, weil die Musikergruppe gerne ein Geheimnis aus ihrer Tätigkeit macht. Aber Carlos Dominguez-Nieto dirigierte die klatschenden Kinder, zeigte ihnen, wie er sie mit seinen Bewegungen beeinflussen kann - und die machten begeistert mit. Und er holte sich sogar Konkurrenz auf die Bühne. Denn zwei Kinder konnten sich auch mal als Maestro bzw. Maestra versuchen - für den Anfang schon ganz gut.

Launige Version von Loriot

Der "Karneval" hat schon viele Schriftsteller zu begleitenden Texten animiert. Dominguez-Nieto hatte sich für die launige Version von Loriot entschieden und erzählte ihn pointiert mit allen tierischen Eigenheiten. Die Kinder wussten also, was sie erwartete, worauf sie achten konnten, wenn die 14 kleinen Sätze begannen, wie sich die Stimmen der Tiere in der Musik artikulierten, wie das klingt, wenn Schildkröten einen Cancan in Zeitlupe tanzen, wenn 2000 Kolibris durch den Saal schwirren, eine Elefantenballerina Ballett tanzt oder der Löwe mit brummendem Pathos auftritt. Das war aber auch alles mit viel Witz und Klarheit gespielt. Die neun Musiker konnten den Eindruck nicht verhindern, dass auch ihnen ihr Tun enormen Spaß machte.

Hüpfende Kängurus der Favorit

Natürlich wäre das alles nur halb so schön gewesen, wären die verkomponierten Tiere nicht auch selbst aufgetreten. Bärbl Seitz vom "puzzletheater münchen" hat geschätzte 25 liebevoll karikierte Stabpuppen geschaffen, die von Monika Eibl und Rainer Hipp auf einer kleinen Bühne auf der großen Bühne zum lustigen Treiben und tänzerischem Übermut erweckt wurden. Da tauchten Esel und Schildkröten, Eichhörnchen, ein Schwan oder ein Hahn mit seinen Hühnern auf. Die Favoriten bei den Kindern waren allerdings die hüpfenden Kängurus. Vielleicht fühlten sie sich diesen hyperaktiven Springtieren am nächsten. Schließlich mussten sie fast eine ganze Stunde auf ihren Stühlen sitzen - oder was man so nennt, wenn einen die Begeisterung überkommt.