Wenn das neue Jahr so wird wie das Neujahrskonzert des Bayerischen Kammerorchesters, dann kann es ruhig kommen. Denn Johannes Moesus und seine Leute hatten wieder ein Programm zusammengestellt, das man unter dem Titel "Divertimento" subsumieren konnte, also "Unterhaltung, Zerstreuung", also Musik, die sich selbst und das Leben nicht ganz so ernst nimmt.

Auf Wolfgang Amadeus Mozarts Hornkonzert KV 495 konnte man sich freuen. Die Brückenauer haben es sich angewöhnt, sich starke Solisten einzuladen, wenn man nur an die Bläser der letzten Zeit denkt: Sergeij Nakariakov, Albrecht Mayer und jetzt Radovan Vlatkovic. Er gehört zu den Hornisten, sie sich in jungen Jahren - wie auch Barry Tuckwell, Hermann Baumann oder Marie-Luise Neunecker - den Hass ihrer Kollegen zuzogen, weil sie ihnen die Lizenz zum Falschspielen entzogen. Sie bewiesen nachhaltig, dass man ihr natürlich nicht zu Unrecht als schwierig gehandeltes Instrument auch makellos spielen kann, und erhöhten so das Niveau und den Übungsdruck - mit Erfolg.


Angenehmes Musizieren

Radovan Vlatkovic hält sich auch jetzt an seinen hohen Anspruch, spielte mit einem wunderbar weichen Ansatz, mit langer Luft, ohne irgendeinen falschen Ton oder Kiekser. Das heißt: Wenn Kiekser zu hören waren, waren sie einwandfrei als gewollte Verzierungen zu erkennen. Das Ergebnis war im Zusammenwirken mit dem Orchester ein sehr flüssiges, angenehmes Musizieren.

Und doch blieben einige Fragezeichen. Eines ging an das Orchester, das sehr frisch, animiert und musikantisch spielte. Aber immer dann, wenn das Solo-Horn seine Auftritte hatte, wurde es sehr oder zu leise. Bei einem schwächeren Solisten könnte man das unter kollegialer Höflichkeit und Rücksichtnahme verbuchen. Aber Radovan Vlatkovic hält Konfrontation aus. Natürlich war es schön, sein Spiel so herausgestellt zu hören. Aber die Funktion der Begleitung, das Ineinandergreifen der Strukturen, kam dabei nicht immer gut zum Tragen.
Die größeren Fragezeichen gingen allerdings an Radovan Vlatkovic. Vielleicht - die Literatur für Hornkonzerte ist ja sehr übersichtlich - hat er das KV 495 einfach schon zu oft gespielt. Denn bei aller Begeisterung für Ton und Klangfarben fragte man sich zusehends, wo er mit diesem Konzert eigentlich noch hin will. Man bekam nicht den Eindruck, dass er sich selbst mit seinem Spiel noch überraschen konnte, sondern dass er auf seine Routine der Gewohnheit setzte, dass er die agogische Gestaltung nicht mehr so wichtig nahm. So überspielte er einige Stellen mit einem Legato - da muss man die Töne nicht neu ansetzen - an denen das Orchester sinnfällige Zäsuren machte. Als Zugabe gab's für Horn und Orchester von Max Reger.


Unterschiedliche Charaktere

Dass Mozarts sechssätziges, geradezu sinfonisch geweitetes Divertimento KV 131 für vier Hörner, Flöte, Oboe, Fagott und Streicher das Konzert wirkungsvoll beendete, war nicht nur verdienstvoll, weil das wunderschöne Musik ist. Sondern auch, weil es den Bogen spannte zu dem Beginn mit Joseph Haydns frühem Divertimento Hob. II:22 und so einen Vergleich gestattete. Da wurde plötzlich deutlich, wie vorsichtig, fast ein bisschen naiv der junge Haydn noch war, der damals gerade seine erste Anstellung bekommen hatte. Da verband sich durchaus schon die Raffinesse der späteren Jahre mit der behutsamen Auslegung eines Unterhaltungsangebotes, das zwar bemerkt werden, aber nicht unangenehm auffallen will. Johannes Moesus und seine Leute schafften diesen Spagat verblüffend gut mit einer klaren Artikulation dieser Raffinessen, aber einer sehr kontrollierten, fast ein bisschen schüchternen Spielweise.


Spiel mit den Überraschungen

Diese Zurückhaltung hatte sich der 16-jährige Mozart nicht auferlegt, der sich der Welt beweisen wollte. Schon die opulente Besetzung mit vier Hörnen machte deutlich, dass hier ein kraftvolles Musizieren angesagt war, in dem allerdings der Witz und die Raffinesse der Komposition nicht untergingen. Das Orchester hielt sein Publikum in Atem, zwang es geradezu zum Zuhören (und nicht zur Zerstreuung), spielte mit den harmonischen und dynamischen Überraschungen oder mit den tiefen Seufzern des langsamen Satzes. Und natürlich mit den ständig wechselnden Allianzen der Instrumentengruppen. Und es mache deutlich, dass Mozarts Unterhaltungsverständnis schon längst in Richtung Oper ging.

Eine kleine Gruppe in dem Programm bildeten zwei Polkas: Die Pizzicato-Polka von Josef und Johann Strauß bezauberte mit ihrem ungewohnten, geradezu ein wenig strohigem Ton, wobei die Musiker die sehr schmale Klangpalette des Pizzicato raffinierten Tempoveränderungen und einer plastischen Dynamik mehr als vergessen machten. Der totale Kontrast war, auch wenn sich hier zumindest in Teilen das Pizzicato fortsetzt, die Polka aus dem Ballett "Das goldene Zeitalter" von Dmitri Schostakowitsch.


Entschiedener Pessimismus

Man musste seine politisch bedrückende, durchaus gefährliche Biographie nicht kennen, um zu hören, dass da ein Komponist am Werk war, der sich verlieren in der Musik nicht zulassen konnte und wollte, der musikalische Ausgelassenheit zwar erzeugen, aber nicht stehen lassen konnte, der naive Gemütlichkeit mit schmerzvoller Harmonik zertrümmerte. Mit einer starken, ausgefeilten Agogik schafften das die Brückenauer in begeisternd-beklemmender Weise.

Aber das war im ersten Teil. Zum Abschluss spielten die Brückenauer das Allegro aus Leopold Mozarts "Jagdsinfonie" zu dem Johannes Moesus als Jäger (oder vielleicht Wilderer?) kostümiert auf die Bühne kam: ein kräftiger Spaß mit üppigen Fanfaren, knallenden Vorderladern und einer feiernden Jagdgesellschaft. Musikalisch begann das neue Jahr ausgesprochen gut gelaunt.