Der Kommentar "Argumentation hinkt", der am Samstag auf der Meinungsseite der Saale-Zeitung veröffentlicht wurde, führte zu Irritationen. Um der komplizierten Sachlage gerecht zu werden, entschied sich die Redaktion für ein Interview zur Klärung. Darin geht der Bad Brückenauer Bürgermeister Jochen Vogel (CSU) auf den Vorwurf ein, er würde die Trasse anderen vor die Nase setzen wollen.

Herr Vogel, Ihre Erklärung zur P43 im Stadtrat klang, als ob Sie sich vehement dagegen einsetzen, dass die neue Stromleitung durch den Landkreis Bad Kissingen gebaut wird. Ist das nicht so?

Jochen Vogel: Ich bin deshalb dagegen, dass die P43 durch den Landkreis gebaut wird, weil ich grundsätzlich die Notwendigkeit dieser neuen Wechselstromleitung mit Endpunkt in Bergrheinfeld in Frage stelle.

Der Bedarf der P43 ist aber von der Bundesnetzagentur bestätigt worden. Sie führten nun in der Sitzung an, dass die Trasse besser direkt von Dipperz nach U rberach führen sollte, und nicht wie geplant von Dipperz nach Bergrheinfeld. Warum?

Aus den Gesprächen mit dem Netzbetreiber Tennet wissen wir, dass die Gleichstromtrasse Südlink mehr Strom in die Region leitet, als das ehemalige Kernkraftwerk produziert hat. Diese Energie wird hier überhaupt nicht gebraucht. Da macht es aus meiner Sicht keinen Sinn, eine weitere Stromtrasse in Bergrheinfeld enden zu lassen, um den Strom dann wieder zurück in die Rhein-Main-Region zu leiten.

Sie stützten Ihre Forderung auf das Nova-Prinzip und nicht - da ist der Redaktion ein Fehler unterlaufen, für den wir uns entschuldigen - auf das Bündelungsprinzip. Wo liegt der Unterschied?

Das Bündelungsprinzip besagt, dass neue Infrastruktur, also beispielsweise neue Stromleitungen, dort gebaut werden, wo die Umwelt ohnehin schon belastet ist. Das Nova-Prinzip setzt dagegen auf Netzoptimierung vor Netzausbau. Das ist ein anderer Schwerpunkt. Es gibt bereits eine größere Leitung, die von Dipperz in den Frankfurter Raum führt. Meiner Meinung nach sollte diese verstärkt werden, um den Strom direkt dahin zu bringen, wo er gebraucht wird. Diese Netzoptimierung macht mehr Sinn, als eine komplett neue Leitung in neuer Trasse durch das Biosphären- reservat Rhön nach Bergrheinfeld zu bauen, und dann von dort den Strom über vielleicht weitere neue Leitungen in den Westen nach Hessen zu schicken.

Aber auch im Raum Bad Brückenau gibt es eine Leitung, die bereits besteht und für die P43 ausgebaut werden könnte. Sie führt von Hessen kommend an Römershag vorbei und weiter in Richtung Geroda und Waldfenster. Wäre da nicht auch das Nova-Prinzip anzuwenden?

Theoretisch schon, wobei ich mir nicht vorstellen kann, dass diese Leitung bislang eine überregionale Funktion hat. Vor dem eben beschriebenen Hintergrund wäre es im Übrigen völlig widersinnig, Strom über diese Umwege in das Rhein-Main-Gebiet zu leiten. Unsere Region selbst und auch Bayern insgesamt werden über den Südlink und den Südostlink ausreichend versorgt.

Als sich der Landkreis mit den Planungen für die Gleichstromtrasse Südlink konfrontiert sah, führten Sie über mehrere Jahre die Protest-Initiative Rhönlink als Vorsitzender an. Damals sprachen Sie sich stets gegen eine Nicht-in-meinem-Vorgarten-Mentalität aus. Stattdessen sollten Sachargumente entscheiden. Vertreten Sie diese Einstellung heute noch?

Ja. Ich denke, das kann man meinen Antworten entnehmen. Letztlich geht es darum, den Netzknotenpunkt Bergrheinfeld und die von den Zu- und Ableitungen betroffene benachbarte Region vor einer Überlastung zu schützen. Mit dem Südlink wird hier bereits ein erheblicher Beitrag zur Energiewende geleistet.

Vor fünf Jahren sicherte die Große Koalition der Region sogar zu, dass der Netzknotenpunkt Bergrheinfeld neben Südlink nicht weiter mit neuen Trassen belastet werden soll. Im vergangenen Sommer haben der Freistaat Bayern und der Bund diese Abmachung aber aufgehoben. Wäre es nicht besser, diesen politischen Wortbruch anzuprangern anstatt andere Trassenverläufe ins Gespräch zu bringen?

Aus meiner Sicht wurde die politische Zielvorgabe aus 2015, den Netzknotenpunkt Bergrheinfeld zu entlasten und Alternativen zur P43 zu entwickeln, bislang fachlich nicht umgesetzt. Die Einigung der Landesminister mit dem Bundeswirtschaftsminister aus 2019 reicht dafür nicht aus. Ich werde deshalb eine fachliche Prüfung von auch großräumigen Alternativen weiter einfordern.

Die Fragen stellte Ulrike Müller.