Dass Gerd Schaller gerne in den Großen Saal kommt, ist kein Wunder. Für den Bamberger Dirigenten sind Konzerte mit seiner Philharmonie Festiva beim Kissinger Winterzauber - und nicht nur da - zu so etwas wie Heimspielen geworden. Jetzt war die Truppe zum Finale des 15. Winterzaubers da und beendete ihn mit einem bemerkenswerten Schlusston.

Antonin Dvoraks Slawischer Tanz Nr. 8. war eine hervorragend schwungvolle Eröffnung und typisch für Gerd Schallers Dirigat.
Denn die Musik war nicht wie aus den Mühlen der Gewohnheit ein bisschen breit-betulich, sondern völlig staubfrei, messerscharf vom Orchester artikuliert und mit mitreißendem Vortrieb. Man kann sicher darüber diskutieren, ob Nicolò Paganini ein ebenso guter Virtuose war wie Franz Liszt in seinem Metier. Von der Massenwirkung her sicher; aber im technischen Bereich darf man Zweifel anmelden. Während Liszt so vernünftig war, einige seiner Werke in einer Überarbeitung zu entschwierigen, damit sie auch von der Nachwelt noch aufgeführt werden konnten, gehört Paganini heute bereits zum vorausgesetzten Basisrepertoire der Musikhochschulen - wobei man natürlich nicht verschweigen darf, dass auch Liszt kein technischer Exot mehr ist.

Bei der Frage nach den kompositorischen Kompetenzen fällt die Entscheidung deutlich leichter. Während Liszt da wesentlich freier und offener war und sich sehr erfolgreich auch mit der Großsinfonik befasste - man denke nur an seine "Faust"- oder "Dante"-Sinfonie oder seine Sinfonischen Dichtungen - schrieb Paganini, mehr noch als Chopin, ausschließlich für sein Instrument oder, genauer gesagt, für seine eigenen Finger. Die berühmtesten Beispiele sind seine 24 Capricen und sein 1. Violinkonzert. Von seinen weiteren vier Violinkonzerten hat nur das zweite sich einen Platz in den Konzertsälen bewahren können.

Während sich im ersten Konzert die Aufmerksamkeit des Zuhörers - und Zuschauers - wegen der Umsetzung enormer technischer Anforderungen sofort auf den Solisten fokussiert, hat Paganini im zweiten Konzert die Virtuosität zugunsten der Melodien etwas zurückgenommen. Da werden dann doch einige Defizite in der Orchesterbehandlung deutlich. Und das Glöckchen, dem der dritte Satz den Beinamen "La campanella" verdankt, ist in der von Liszt verlustfrei für Klavier eingedampften Fassung wesentlich wirkungsvoller, unstörender als im Original.

Gelohnt hat sich's trotzdem, denn Ingolf Turban, der Solist des Abends, ist ein ausgewiesener Paganini-Spezialist. Seine technische Souveränität ließ ihm viel Platz zur Ausarbeitung der melodischen Aspekte. Und Schaller lotste sein Orchester mit fester Hand durch die zum Teil verzwickten rhythmischen Reibungen mit dem Solisten.

Mit Johannes Brahms' 2. Sinfonie knüpfte Schaller bei Dvorak an. Er ließ sich nicht von den zum Teil recht sanglichen Themen zur Lieblichkeit oder Verbindlichkeit verleiten, sondern wahrte geradezu spröde Distanz, zielte über die Architektur auf die Emotionalität - ein Ansatz, den das Orchester gerne mitging. Vor allem der zweite Satz war derart kompromisslos auf reibungsvolle Strukturen musiziert, das er fast etwas gewöhnungsbedürftig war. Aber das Ergebnis sprach dafür.