Eigentlich soll Wagners Bierstube ein Ort sein, an dem die Menschen ihre Alltagssorgen vergessen und gegen ein paar schöne Stunden eintauschen können. "Es ist eine kleine Kneipe und ein sozialer Punkt. Hier zählt nicht, wer du bist oder was du hast", sagt Wirtin Maria Schimmel, bei ihren Gästen nur als Mary bekannt. Egal ob Sozialhilfeempfänger oder Anzugträger, egal ob Ausländer, Rehapatient oder Einheimischer, egal ob junger Feiernder oder alter Stammgast, der seit mehr als 50 Jahren sein Bier im Wagners trinkt. Hier kommen sie alle zusammen. Noch. Denn das Aus für die Bierstube steht fest, im Dezember wird Mary die letzte Runde für die Gäste zapfen. "Eine schwere Zeit", sagt die 57-Jährige. Sie ringt um Fassung, ihre Augen sind tränengerötet.

Wagners BIerstube: Aus Bedienung wird Chefin

Die Kneipe in der Maxstraße gibt es seit sechs Jahrzehnten. Früher gab es hier einen Billardraum, bis heute können Gäste Dart spielen und sich an einer Jukebox aussuchen, was sie gerne hören möchten. Mary macht seit 35 Jahren aus dem Gastraum mit dem langen Tresen so etwas wie ein Wohnzimmer für alle, die bei ihr ein Bier trinken. Die ersten zehn Jahre hat sie dort als Bedienung für den Eigentümer und Wirt Günther Wagner gearbeitet. Als dieser sich zur Ruhe setzte, übernahm sie die Kneipe und führte sie weiter. Das war 1997.

Seitdem hat sie bis auf wenige Tage Urlaub im Jahr jede Woche sechs Tage in der Bierstube gearbeitet, oft zwölf Stunden oder mehr. Je nachdem wann der letzte Gast abends gegangen ist. Anfangs hatte sie noch eine Vollzeit Bedienung angestellt, seit dem Rauchverbot stemmt sie alles komplett allein, vom Einkauf über Küchen- und Tresendienst bis zu Service und Buchhaltung. Einzige Hilfe ist eine Reinigungskraft, die sie abends unterstützt. "Ich habe alles allein geschafft, egal wie viel los war. Ich habe es gern gemacht, es war mein Leben", sagt Mary.

Pachtvertrag läuft aus

Damit ist bald Schluss. Für die Wirtin ist es kein freiwilliges Ende. Das Anwesen wurde zwischenzeitlich verkauft, der Pachtvertrag über das Jahresende hinaus nicht mehr verlängert. Das trifft nicht nur Mary, sondern auch ihre Stammgäste, sagt sie. "Viele sind total traurig. Das Wohnzimmer von vielen wird jetzt zerstört", sagt sie niedergeschlagen.

Ein Leben ohne Gastronomie und den Kontakt zu den Gästen kann sie sich nicht vorstellen. "Es war eine richtig tolle Zeit. Ich durfte immer am Leben meiner Gäste teilhaben", erzählt die Wirtin. Die Gespräche waren für sie wie ein Fernsehprogramm, bei dem sie nie wusste, ob heute ein lustiger oder trauriger Film läuft. Freude, Leid, Glück und Sorgen - all das hat sie bei ihrer Arbeit am Tresen erzählt bekommen.

Suche nach neuem Lokal in Bad Kissingen

Nach der Schließung will sie weiter als Bedienung arbeiten. Sehr gern hätte sie noch einmal eine eigene Kneipe aufgemacht, einen Nachfolger für Wagners Bierstube, aber eine Chance hierauf hat sich in Bad Kissingen nicht ergeben. "Ich habe mir viele Lokalitäten angeschaut, aber für mich war aktuell nichts zu finden", sagt die aus Gefäll stammende Frau.

Die städtische Wirtschaftsförderung hatte sich eingeschaltet, um die Wirtin bei einer Suche nach einer Lösung zu unterstützten, wie Rathaussprecher Thomas Hack bestätigt. Bedauernswerter Weise in dem Fall ohne Erfolg. Ralf Ludewig, Vorsitzender des Stadtmarketingvereins Pro Bad Kissingen, sieht kein strukturelles Problem darin, dass es nicht geglückt ist, einen neue Lokalität für die Bierstube zu finden. "Wenn jemand etwas weitermachen will und nichts findet, wo er reingehen kann, ist das bitter", meint er. Die Gastronomie in Bad Kissingen sei gut besetzt, zuletzt hat es immer wieder auch Übernahmen und Neueröffnungen gegeben. "Dass sich kein Ort findet zeigt, dass die Szene gut besetzt ist", sagt Ludewig.

Die letzten Tage in ihrer Kneipe fallen Mary schwer. Wann sie das letzte Mal öffnet, weiß sie noch nicht. Fest steht: An Weihnachten wird es die Bierstube nicht mehr geben. Einen festen Stichtag will sie nicht benennen. "Dafür reicht meine Kraft nicht", sagt sie unglücklich. Ihre Stammgäste werden den letzten Tag schon miterleben. Da ist sie sicher.