Viel auf dem Spiel stand am Mittwoch für einen 30-Jährigen beim Amtsgericht Bad Kissingen. Die Staatsanwaltschaft warf ihm vor, den Freund seiner von ihm getrennt lebenden Frau geschlagen und vorsätzlich verletzt zu haben. Das Heikle dabei: Zum Tatzeitpunkt im September stand der Mann noch unter Bewährung: Zu acht Monaten Haft war er 2012 verurteilt worden - wegen gefährlicher Körperverletzung. Wäre er nun erneut wegen eines ähnlichen Delikts verurteilt worden, hätte er die Strafe von damals möglicherweise absitzen müssen. Das blieb ihm jedoch vor allem wegen widersprüchlicher Zeugenaussagen erspart: "Notwehr ist zumindest nicht auszuschließen", begründete die Richterin ihr mildes Urteil.


Zehn Euro gestohlen

Was war passiert? Der 30-Jährige passte Mitte September 2015 auf den gemeinsamen Sohn auf, während seine von ihm getrennt lebende Frau mit der Tochter und einem Freund - und späteren Lebensgefährten - unterwegs war. Die drei verabschiedeten sich schon vormittags und kamen erst gegen 21 Uhr zurück. Der Angeklagte hatte zu diesem Zeitpunkt zehn Euro aus der Wohnung gestohlen und zwei Bier getrunken. Nur wenige Minuten habe er die Wohnung verlassen, beteuerte er, genau in dieser Zeit kam seine Noch-Ehefrau nach Hause.
Kurz darauf kam auch der Angeklagte zurück, es entstand ein Streit, in dessen Verlauf der 30-Jährige die Frau mit Kraftausdrücken beleidigte. "So schlimm kann es nicht gewesen sein", kommentierte die Richterin jedoch die Beleidigungen im Urteil, die Zeugin habe sich gar nicht mehr im Detail erinnert. Trotzdem verhängte sie für diese beiden Straftaten - Diebstahl und Beleidigung - eine Strafe von 25 Tagessätzen zu je 20 Euro gegen den aktuell arbeitslosen Angeklagten. Dieser hatte beides gestanden und für den Vorfall auch reumütig um Entschuldigung gebeten.


Widersprüchliche Aussagen

Langwieriger war dagegen der Rest der Verhandlung, in dem es um die ein oder zwei Minuten nach der Beleidigung ging: "Ich habe ihn nicht wirklich geschlagen, sondern gegen die Wand gedrückt", beteuerte der Angeklagte. Zugeschlagen habe er erst, als der Freund seiner Noch-Frau auf ihn los gegangen sei. "In dem Moment wusste ich mir nicht anders zu helfen." Zudem habe er nach der Tat dem Opfer Schmerzensgeld angeboten. Das habe dieser aber abgeschlagen, weil er ihn habe "in den Knast bringen wollen".
"Er hat mir einfach eine verpasst", stellte der Kontrahent die Szene von damals dar. "Ich wollte mich da raushalten", sagte er über den Streit zwischen dem Noch-Ehepaar. Er kenne den Angeklagten schon seit fünf Jahren und habe ihn vor allem unter Alkoholeinfluss mehrfach "sehr aggressiv" erlebt.
Die Aussage der Noch-Ehefrau fiel dagegen anders aus: Der Angeklagte habe den Freund, der erst später kurzzeitig zum Lebensgefährten wurde, zunächst nur kurz gegen eine Wand gedrückt, ohne ihn zu schlagen. Danach sei er weitergegangen und der Freund sei ihm gefolgt. "Wer dann zuerst zugeschlagen hat, kann ich nicht sagen", beteuerte die Zeugin mehrfach.
"Die Aggression ging eindeutig vom Angeklagten aus", fasste der Staatsanwalt in seinem Plädoyer den Ablauf der Tat zusammen. Allerdings musste auch er eingestehen, dass "die Aussagen etwas voneinander abweichen". Für den Angeklagten spreche sein Geständnis des Diebstahls und der Beleidigung, andererseits habe er aber noch unter Bewährung gestanden: "Da muss man sich besser im Griff haben."


Staatsanwalt fordert Haftstrafe

Der Staatsanwalt forderte eine Gesamtstrafe von sieben Monaten Haft, die aus seiner Sicht nicht mehr zu einer Bewährung ausgesetzt werden könnten, weil er angesichts mehrerer Vorstrafen keine positive Sozialprognose sah. "Er hat sich nur gewehrt", sagte dagegen die Rechtsanwältin und warb um Verständnis, dass der Angeklagte kurz nach der Trennung überreagiert habe. Sie forderte eine Freiheitsstrafe von vier Monaten, die sehr wohl zur Bewährung ausgesetzt werden könnten, denn: "Er hat sich jetzt besser im Griff."
Die Richterin blieb in ihrem Urteil sogar noch unter der Forderung der Verteidigerin und sprach den 30-Jährigen vom Vorwurf der Körperverletzung komplett frei. Fest stehe nur, dass er seinen vermeintlichen Nebenbuhler an die Wand gedrückt habe. Dem Gegner bei der Handgreiflichkeit warf die Richterin "Belastungseifer und Rachsucht" vor. Er habe den Ablauf dramatischer dargestellt, deshalb spreche vieles für die Version des Angeklagten: "Von der vorsätzlichen Körperverletzung bin ich in keiner Weise überzeugt", begründete die Richterin ihr Urteil.