Neun Mal ist Johannes R. Köhler bei Minusgraden im Garitzer See gelandet, zuletzt mit 18 Jahren. "Ein echter Garitzer ist man damals erst gewesen, wenn man im Winter durch das Eis gebrochen und in den See gefallen ist", erzählt der 83-Jährige. Ebenso gehörte es dazu, im Anschluss durchnässt, frierend und von anderen verspottet, nach Hause zu laufen. Köhler hat die meiste Zeit in Bad Kissingen verbracht, zählt als lokales Urgestein und sieht sich als heimatverbunden. "Ich bin hier geboren und will hier sterben", sagt er. "Ich habe es nie fertig gebracht, von hier wegzugehen." Wenngleich er denkt, dass seine Karrierechancen in der Musik anderswo größer gewesen wären.

Das heißt aber nicht, dass er sich nicht verwirklicht hat: Köhler handelte bis 1991 erfolgreich mit Teppichen, hat sich einen Ruf als Musiker erarbeitet und sich stark ehrenamtlich engagiert, von Stadtpolitik bis zum Kirchenleben.

Kindergarten 1933 geboren, wuchs Johannes Köhler als jüngstes von drei Geschwistern in Garitz auf. "Wir sind jeden Sonntag in Bad Kissingen spazieren gegangen", erzählt er von seinen Kindheitstagen. Die Mutter zog ihnen immer den guten Sonntagsanzug an. "Dann sind wir durch den Rosen- und den Kurgarten gelaufen." Das Bild zeigt Köhler im Alter von vier Jahren bei einem der besagten Spaziergänge im Matrosenanzug.

Schulzeit SchulzeitKöhler drückte zuerst in der Volksschule Garitz die Schulbank, danach besuchte er die Oberrealschule in Bad Kissingen. Ein großer Teil seiner Schulzeit fiel in den Zweiten Weltkrieg. 1943 erlebte er unter anderem einen schweren Bombenangriff auf Schweinfurt mit. "In meiner Panik bin ich durch das ganze Chaos gerannt." Er floh in Richtung Oberwerrn, von wo aus er mit dem Zug nach Bad Kissingen zurückfahren konnte.

Jugend In der Besatzungszeit entdeckte er sein musikalisches Talent. "Nach dem Krieg habe ich angefangen, für die amerikanischen Soldaten Akkordeon zu spielen", erzählt Köhler. Die hätten es geschätzt, dass er Melodien nach kurzem Hören fehlerfrei nachspielte. Er nutzte das Talent, um sein Taschengeld aufzubessern. "Ich bekam dafür Zigaretten als Bezahlung, die ich dann wieder eingetauscht habe", sagt er. Für Schokolade beispielsweise.

Beruf Mit 18 Jahren zog Köhler nach Frankfurt. Wenige Jahre später kehrte er auf Wunsch des todkranken Vaters nach Bad Kissingen zurück und übernahm Mitte der 1950er Jahre dessen Teppichgeschäft. "Ich wollte mehr machen. Ich wäre in Frankfurt geblieben, wenn mein Vater nicht an Krebs erkrankt wäre. Es war eine schwere Zeit." Neben der Arbeit blieb Köhler der Musik treu und trat regelmäßig im Kurgartencafé auf.

Berufung "Über das Teppichgeschäft habe ich die Musik vernachlässigt", sagt er dennoch. Also begann er 1971 mit einem Musikstudium in Würzburg. 1982 veröffentlichte er seine erste CD und verlegte sich in der Folge immer mehr auf das Leben als Komponist und Dirigent. "Es gibt nichts Schöneres, als das Hobby zum Beruf zu machen." Letzter Karriereschritt: Die Doktorarbeit über die Wirtschaftsmacht Musik im Alter von 81 Jahren.


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