Zugegeben: Am Ende kamen einem die weißen und schwarzen Tasten zu den Ohren heraus: von 11 Uhr bis 18.15 Uhr Klavier, Klavier und noch einmal Klavier. Da brauchte man, wenn man nicht vorzeitig aussteigen wollte, starke Nerven, kühle Ohren und ein stabiles Sitzfleisch. Aber es hat sich gelohnt: sechs junge Pianistinnen und Pianisten, die fast alle einmal beim KlavierOlymp waren, die alle ihre Karriere machen - und die natürlich alle ihre Sahnestückchen zeigen wollten - mit dem ungemütlichen Nebeneffekt, dass fast alle die zugestandenen 60 Minuten überzogen. David Garrett schien in unerreichbare Ferne zu rücken.

Sechs junge Leute, das waren sechs Spielercharaktere. Alexej Gorlatch (26), der dienstälteste KlavierOlympionike (2006) ging als erster an den Start mit Beethovens "Mondschein-Sonate", die er ruhig fließend anlegte, dass er am Ende genug Spielraum für das Presto agitato hatte, mit Schuberts charmant gespielten 16 Deutschen Tänzen D 783 und, auf Sokolovs Spuren, mit acht der Mazurken von Chopin, in denen er durchaus Differenzierungsfähigkeit bewies bis hin zum b-moll-Scherzo. Das war alles solide musiziert, ließ Auseinandersetzung erkennen. Und trotzdem saß man da und fragte sich zunehmend, womit Alexej Gorlatch 2011 den ARD-Wettbewerb gewonnen hat, wie er da gespielt hat. Da müsste eigentlich schon mehr bewusste Persönlichkeit dahinter stecken, um so einen Wettbewerb erfolgreich zu bestehen.

Kateryna Titova (31, KO 2009) war die stilistisch Vielseitigste. Sie traute sich an Mozarts D-dur-Sonate KV 311, die sie mit wunderbarem Ton und Melodiegespür spielte, sie nahm sich viel Zeit für zwei der Brahms-Intermezzi op. 118, spielte souverän Ravels vertrackte "Alborada del gracioso", kontrastierte diese stürmische Musik mit zwei ebenso stürmischen barocken Scarlatti-Sonaten und schloss ab mit Rachmaninoffs großer, glänzend strukturierte b-moll-Sonate. Eindrucksvoll.

Aber dann brach Valentina Babor (24, KO 2006 abgesagt) über den Klaviermarathon herein. Sie war kurzfristig für Alexander Krichel eingesprungen. Sie spielte mit einem Zugriff, dass einem angst und bange wurde. Ginasteras "Danzas Argentinas" waren toll, Liszts Variationen über Bachs "Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen" und die 2. Ungarische Rhapsodie waren krachend-eindrucksvoll, Schumanns Abegg-Variationen gewöhnungsbedürftig (was möglich war). Mozarts Sonate KV 281 spielte sie mit der stark extrovertierten Gestik einer Entfesselungskünstlerin. Aber je mehr sie sich entfesselte, desto mehr fesselte sie Mozart. Instrumentalisiert sie vielleicht die Musik zugunsten ihrer eigenen Wirkungsmächtigkeit? Viel Interessantes, aber nicht unbegrenzt auszuhalten.

Den Vorwurf kann man Claire Huangci (24, KO 2008) nicht machen. Beim KlavierOlymp war die junge Amerikanerin vor allem durch ihr schnelles Spiel aufgefallen. Das kann sie immer noch, aber inzwischen ist auch Musik dazu gekommen. Und zwar ausgerechnet da, wo man es am wenigsten erwartet hätte: bei Liszts Bearbeitung der Wagnerschen Tannhäuser-Overtüre. Da türmte sie auch die Klanggebirge aufeinander, wenn auch nicht ganz so kantig wie Valentina Babor, aber sie ließ auch ein bisschen Luft zwischen den Blöcken zum musikalischen Atmen. Dass sie sich in der letzten Zeit als Chopin-Interpretin einen Namen gemacht hat, konnte man durchaus merken bei "Regentropfen-Prélude" & Co. Beethovens Sturm-Sonate war durchdacht gespielt. Aber in Erinnerung bleiben wird eher die Tannhäuser-Ouvertüre.

Der Beste kam zuletzt

Gabriele Carcano (29, KO 2013) war im letzten Oktober so kurzfristig eingesprungen, dass er nicht allzu viel zeigen konnte. Aber jetzt fragte man sich, ob er das überhaupt will. Er drängte sich nicht auf als Erzähler an den Tasten, blieb sehr zurückhaltend, vor allem auf den Notentext konzentriert. Gut, Schuberts a-moll-Sonate D 784 ist ein etwas düsteres Werk, das wenig virtuosen Glanz verbreitet. Aber Carcano gelang es nicht überzeugend, die Teile in einen übergreifenden Zusammenhang zu stellen. Bei Brahms f-moll-Sonate, die wirklich ein sprödes Werk ist, zerbröselte dem guten Techhniker die Musik.

Der Beste kam zuletzt: Edgar Wiersocki (29, KO 0), ein Mann mit schlüssigen, intelligenten Konzepten und unprätentiöser Umsetzung. Beethovens Appassionata spielte er mit starker, aber nicht überzogener Binnenspannung, die die drei Sätze konsequent zusammenhielt. Und Prokofieffs Sonate Nr. 7 mit dem Beinamen "Stalingrad" interpretierte er mit bestürzender Intensität und motorischer Brutalität. Aber er ließ auch, was wenigen so gelingt, den Melodiker zu seinem Recht kommen.