Eine Eigenschaft der Pandemie ist es, bestehende Probleme zu verschärfen. So trifft sie die Menschen, die vor Corona gerade so viel verdient haben, um über die Runden zu kommen - und nun in finanzielle Probleme geraten. Je mehr Lockdown-Monate ins Land gehen, desto deutlicher sind die Auswirkungen spürbar. Zum Beispiel bei Gabriele Morath vom sozialen Beratungsdienst der Kissinger Caritas. Zu der Sozialpädagogin kommen vor allem Menschen, die in finanziellen Schwierigkeiten stecken, die auf Sozialleistungen angewiesen sind und die nicht mehr weiter wissen.

Seit dem zweiten Lockdown sind das deutlich mehr geworden. "Der Anstieg ist wirklich spürbar. Jetzt kommen verstärkt Personen zu mir, bei denen das Kurzarbeiter-Geld nicht reicht", berichtet sie. Wer beispielsweise aktuell gar nicht arbeiten darf und zu 100 Prozent Kurzarbeiter-Geld bezieht, dem bricht ein Fünftel bis zu einem Drittel seines Einkommens weg. Wird aus wenig Verdienst noch weniger, wird es für die Betroffenen schnell eng. Je länger die Situation andauert, umso kritischer wird ihre Lage. "Das sind vor allem Menschen im mittleren Alter, die im Leben stehen und bisher zurecht gekommen sind. Durch das Absenken des Lohns rutschen sie in Sozialleistungen rein", sagt Morath.

Mehr Aufstocker

Die Zahl der Menschen nimmt zu, die zum Jobcenter gehen müssen, um ihr Kurzarbeiter-Geld mit Hartz IV aufzustocken. Der Sozialberaterin fällt auf, dass dieses Schicksal besonders häufig Mitarbeiter aus den Bereichen Gastronomie und Hotellerie trifft. "Das ist der Großteil davon", sagt sie.

Eine ähnliche Entwicklung hat auch die Kissinger Tafel bemerkt. Zwar kommen an den Ausgabetagen weniger Bedürftige, um sich mit Lebensmitteln einzudecken. Dafür gibt die Tafel - nach Möglichkeit - mehr aus, damit die Leute länger versorgt sind. "Vor Corona lag der Warenwert bei 30 bis 40 Euro, aktuell sind es bis zu 55 Euro", sagt die stellvertretende Vorsitzende Dagmar Ziegler. Insgesamt haben die Helfer in Bad Kissingen inzwischen mehr Bezugsscheine zu bearbeiten. "Die Kundenanzahl hat sich erhöht", berichtet sie.

5400 Personen brauchen Sozialleistungen

Die Ausgangssituation vor Corona: Im Dezember 2019 waren im Landkreis Bad Kissingen 4641 Menschen in den amtlichen Statistiken erfasst, die staatliche Sozialleistungen wie Hartz IV, Grundsicherung im Alter oder Sozialhilfe empfangen haben. Legt man die Armutsgefährdungsquote des Statistischen Bundesamtes für die Region Main-Rhön zugrunde, dürften im Landkreis 8500 weitere Menschen von Armut bedroht sein, auch wenn sie bisher ohne Sozialleistungen ausgekommen sind.

Der Blick in die Statistik zeigt, dass inzwischen deutlich mehr Menschen auf Stütze angewiesen sind, als das vor der Pandemie der Fall war. Auch wenn die aktuellen Zahlen noch nicht endgültig sind: Sie weisen im Vergleich zu Ende 2019 dennoch einen Anstieg von 12,2 Prozent aus. Eigentlich müsste der Anstieg sogar noch höher ausfallen - aufgrund einer Gesetzesänderung fallen nach Auskunft des Bezirks Unterfranken werden aber rund 250 Personen nicht mehr bei der Hilfe zum Lebensunterhalt erfasst - sie beziehen jetzt andere Hilfen.

Bezieht man diese mit ein, heißt das unterm Strich: Aktuell sind rund 5400 Menschen im Landkreis auf Sozialleistungen angewiesen. Das sind 800 mehr als noch vor einem Jahr. Diese 800 Menschen sind im Prinzip ausschließlich Hartz IV-Empfänger.

Arbeitsmarkt grundsätzlich stabil

Der Arbeitsmarkt ist in der Krise bislang ziemlich stabil geblieben, erläutert Thomas Stelzer, Leiter der Arbeitsagentur Schweinfurt. Die Arbeitslosenquote in Bad Kissingen lag im Februar 2020 bei 3,2 Prozent, zwölf Monate später liegt sie bei 3,9 Prozent. Dass nicht mehr Menschen ihren Job verloren haben, führt er auf die Kurzarbeit zurück. Mehr als 38 000 Menschen in der Region Main Rhön arbeiten aktuell kurz. "Das Kurzarbeiter-Geld stabilisiert", sagt Stelzer. Wer dennoch in finanzielle Schwierigkeiten gerät, dem bleibt als Notfall-Auffangtuch noch die Möglichkeit, das Kurzarbeiter-Geld mit Hartz IV aufzustocken. "Das fängt vieles auf. Ohne natürlich zu verkennen, dass es schwierig ist, von den Leistungen der Grundsicherung gut zu leben", meint Stelzer.

Risiko langzeitarbeitslos zu werden steigt

Zwar haben bislang nicht so viele Menschen ihre Arbeit verloren, wer sie jedoch erst einmal verloren hat, für den wird es immer schwieriger, wieder eine zu finden. "Die Zahl der Langzeitarbeitslosen steigt deutlich an. Das Risiko langzeitarbeitslos zu werden ist größer geworden", berichtet er. Im Kreis Bad Kissingen ist die Zahl der Langzeitarbeitslosen zwischen Februar 2020 und Februar 2021 um beinahe 50 Prozent gestiegen, auf heute 213 Personen.

Für die Betroffenen ist das eine psychische Belastung, sagt Sozialberaterin Gabriele Morath. "Viele hatten bisher noch keinen Kontakt zum Amt. Sie haben Scheu davor, Sozialleistungen in Anspruch zu nehmen", sagt sie. In solchen Fällen wäre es sinnvoller, wenn das Kurzarbeiter-Geld zu 100 Prozent den wegfallenden Verdienst ersetzt. Für die Betroffenen hätte es große psychische Wirkung, nicht von Stütze leben zu müssen.

Wer ist von Armut bedroht?

Armutsgefährdung Wer weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat, gilt als armutsgefährdet. Laut statistischem Bundesamt waren Ende 2019 deutschlandweit 3,1 Millionen Erwerbstätige von Armut bedroht.

Quote Gemessen am Bundesmedian liegt die Armutsgefährdungsquote in Bayern bei 11,9 Prozent, das heißt 11,9 Prozent der Bayern sind von Armut bedroht. In der Region Main-Rhön beträgt diese Quote 12,8 Prozent. Runtergebrochen auf den Kreis Bad Kissingen sind das rund 13 200 Menschen. Die Armutsgefährdungsquote im Bund liegt bei 15,9 Prozent (Stand: 2019). Die Armutsgefährdungsquote ist seit 2005 kontinuierlich gestiegen. Für Alleinerziehende, ältere Menschen und Menschen mit befristeten Arbeitsverhältnissen ist das Armutsrisiko am höchsten.

Einkommen Das mittlere, monatliche Äquivalenzeinkommen beträgt im Jahr 2019 in der Region Main-Rhön 1864 Euro. Das sind etwa 100 Euro über dem deutschen Durchschnitt. Ein Single-Haushalt in der Region gilt als armutsgefährdet, wenn er 1118 Euro netto oder weniger zur Verfügung hat. Für Alleinerziehende mit zwei Kindern sind es 1789 Euro und für eine Familie mit zwei Kindern 2349 Euro.