• Bühnenbild und Schauspieler: alles aus Papier
  • Geschichte des Papiertheaters
  • Die Stücke in Kitzingen: Lokales, Märchenhaftes, Literarisches

Im Zentrum der unterfränkischen Stadt Kitzingen findest du das Papiertheater Kitzingen. Hier kannst du Theater pur sehen: keine Spezialeffekte, dafür viel Poesie, ruhige Bilder und Freiraum für Fantasie. Auf dem Spielplan stehen Interpretationen bekannter Geschichten und Märchen, wie Froschkönig oder Rumpelstilzchen, und eigene Stücke. Die Theatermacherin Gabriele Brunsch erhielt 2019 den Kulturpreis der Stadt Kitzingen. Im Gespräch mit ihr durften wir hinter die Kulissen des Papiertheaters schauen.

Die Kunst des Papiertheaters

"Ein Papiertheater besteht aus Tischbühnen, die mit Figuren und Szenen aus Papier bespielt werden. Die Bühnen sind nicht größer als ein Fernsehgerät." So kannst du es im bundesweiten Verzeichnis für immaterielles Kulturerbe lesen. 2021 wurde das Papiertheater mit seiner etwa 200-jährigen Tradition hier aufgenommen.

Ab etwa 1810 waren Miniaturbühnen im Bürgertum und Adel in ganz Europa sehr beliebt: Mit Figuren und Kulissen aus Papier ließen sich daheim Theaterstücke und Opern nachspielen. Theaterrahmen, Figuren und Kulissen konnte man gedruckt kaufen, ausschneiden und auf Pappe aufkleben. Oft wurden komplette Sets für einzelne Stücke mit Textheften angeboten. Es gab allein in Deutschland etwa 65 Verlage, die Theaterbilderbögen herstellten. "Das war zunächst keine Kunst fürs Volk. Denn der Druck der farbigen Bögen war damals teuer", erzählt Gabriele Brunsch. Zunächst waren die kleinen Bühnen Unterhaltung für Erwachsene. Nachgespielt wurden vor allem bekannte Stücke wie Goethes Faust, Schillers Räuber, Mozarts Zauberflöte. Erst ab etwa 1875 kamen auch Stücke für Kinder auf den Markt. Bald verbreitete sich das Papiertheater in Familien mehr und mehr. Als der Stummfilm aufkam, nahm das Interesse allmählich ab.

Im 20. Jahrhundert verschwand das Papiertheater weitgehend. Viele Figurenbögen und Texthefte aus dem 19. Jahrhundert sind aber erhalten geblieben und werden heute nachgedruckt. Du kannst dir mit solchen Bilderbögen dein eigenes Papiertheater zusammenstellen - oder dir selbst Figuren basteln. Das Papiertheater wurde in den 1970er- und 1980er-Jahren wieder entdeckt und fand neue Liebhaber. Heute siehst du Papiertheaterspieler*innen in Deutschland auf einigen festen Bühnen oder auf Festivals. Beim Forum Papiertheater e.V. erfährst du mehr über aktuelle Veranstaltungen und Festivals bundesweit. In Bayern gibt es beispielsweise jährlich im Oktober das Münchner Papiertheaterfestival.

Papiertheater Kitzingen: Großes Theater auf kleiner Bühne

Gabriele Brunsch spielt seit 2003 regelmäßig in Kitzingen. Früher hat sie für das Laientheater geschrieben, gemalt und inszeniert. Dann kam sie über eine Ausstellung von Dorothea Reichelt, einer Sammlerin von Papierkunst, zum Papiertheater. Bald baute Frau Brunsch ihre eigene Bühne und gestaltete eigene Stücke. In den ersten Jahren spielte sie mit ihrer Kollegin Helga Kelber abwechselnd. Seit 2014 ist sie alleine die Person hinter dem Papiertheaters Kitzingen. Über ihr Ein-Frau-Unternehmen sagt sie: "90 Prozent meiner Kulissen habe ich selbst entworfen. Die Figurinen sind alle meine Kreation." 

Gabriele Brunsch nutzt kaum gekaufte oder kopierte Bilderbögen. Sie schreibt, inszeniert, malt, schneidet und gestaltet Kulissen und Figuren. Eine weitere Besonderheit des Papiertheaters Kitzingen ist, laut Gabriele Brunsch, dass sie für jedes Stück ein komplettes Hörspiel vorproduziert. Dabei spricht sie in manchen Stücken alle Figuren selbst: "Ich kann viele Stimmen, auch Männerstimmen." Sie arbeitet für die Hörspiele aber auch mit Sprecher*innen und Musiker*innen zusammen. Das Spiel zum vorgefertigten Ton erfordert exaktes Timing: Vorhang, Auftritt und Bewegung der kleinen Figuren, Lichteffekte, alles muss punktgenau erfolgen. "Da ist ganz starke Konzentration und Organisation nötig", verrät uns die Papiertheaterspielerin.

Das Repertoire des Kitzinger Papiertheaters ist groß. Frau Brunsch arbeitet mittlerweile an ihrem 24. Stück. Für wen sind ihre Geschichten gedacht? Hauptsächlich für ältere Kinder und Erwachsene. Einige Geschichten sind kindgerecht. Andere, wie "Der fliegende Holländer" nach Richard Wagner, oder "Das Hauchen des Windes", das am japanischen Kaiserhof spielt, sind etwas komplizierter und vor allem für Erwachsene.

Geschichten aus der Region

Für ihre Kulissen verwendet Gabriele Brunsch oft eigene Fotos aus der Region. Im Landkreis Kitzingen sind beispielsweise die "Flussgeschichten" zu Hause. Hier geht es um die Historie des Mains. Und wenn du genau hinsiehst, kannst du reale Orte wieder erkennen.

"Hadeloga - auf der Suche nach einer sagenumwobenen Gestalt", erzählt dir von der Gründerin der Stadt Kitzingen. Im 8. Jahrhundert gründete die heilige Hadeloga ein Kloster, das der Beginn der Stadt Kitzingen wurde. Die Legende erzählt, dass Hadeloga auf dem Schwanberg stand und ihren Schleier in den Wind warf. Dort, wo er zu Boden fiel, baute sie ihr Kloster. Ein Schäfer namens "Kitz" hatte den Schleier am Ufer des Mains gefunden. Hadeloga nannte ihr Kloster ihm zu Ehren "Kitzingen". Frau Brunsch erklärt uns, dass sie für dieses Stück sehr viel recherchierte. Dabei entdeckte sie historische Unstimmigkeiten der Legende und fand ihre eigene Hadeloga-Geschichte.

Auch das Stück "Micha Kuchenschreck und die Lebkuchenteenies" spielt in Kitzingen. Es erwartet dich eine zauberhafte Weihnachtsgeschichte ab 6 Jahren: Im Mittelpunkt steht der Bäckerjunge Michael Wunder und seine Lebkuchen. Es geht um wundersame Ereignisse in der Nacht der Wintersonnenwende und um: Liebe. Dieses Stück wird voraussichtlich im Dezember 2022 wieder gespielt.

Fazit

Wenn du die Miniaturbühne in Kitzingen besuchst, kannst du erleben, wie dort aus Papier und mit kaum Technikeinsatz eine Geschichte entsteht. Entdecke eine faszinierende, kleine Welt. Zu manchen Stücken kannst du übrigens auch Live-Musik genießen. Ein Besuch lohnt sich vor allem für größere Kinder und Erwachsene.

  • Adresse: Papiertheater Kitzingen, Grabkirchgasse 4, 97318 Kitzingen
  • Preise: Erwachsene 7,00 - 10,00 Euro, Kinder 5,00 - 8,00 Euro
  • Zugang: barrierefrei, keine Parkmöglichkeit direkt am Theater

Gespielt wird jeden Monat an zwei Wochenenden, die Termine und Stücke mit Altersangaben findest du auf der Homepage. Da die Bühne und der Zuschauerraum klein sind, reserviere am besten vorher.