Das Zalando-Aus in Erfurt ist ein weiterer in einer Reihe von Rückschlägen für die Ost-Wirtschaft. Wackelt hier gerade das Zukunftsversprechen des nachhaltigen Aufschwungs?
Auf bis zu 4.000 Jobs durch Zalando hatte die Thüringer Landespolitik einst gehofft. Nun plant der Berliner Moderhändler so schnell aus Erfurt zu verschwinden, wie er vor rund vierzehn Jahren gekommen ist. In einem Dreivierteljahr soll Schluss sein für die rund 2.700 Beschäftigten. Landespolitik, Kommune und Gewerkschaften wurden davon kalt erwischt. Es hatte offenbar keinerlei Warnsignale gegeben.
«Dass wir hier vor vollendete Tatsachen gestellt worden sind, ist absolut unüblich und ganz sicher kein guter Stil», so Thüringens Wirtschaftsministerin Colette Boos-John (CDU). Es ist ein weiterer harter Schlag in einer Reihe von wirtschaftlichen Rückschlägen für den Osten Deutschlands: Das Aus für die geplante milliardenschwere Intel-Chipfabrik in Magdeburg, das Aus bei Dow Chemical im mitteldeutschen Chemiedreieck, der Niedergang der Solarindustrie im «Solar Valley», die Schließung der einst als Vorzeigefabrik gebauten gläsernen VW-Manufaktur in Dresden.
22 Millionen Euro für Zalando in Erfurt
Es sind nicht nur wirtschaftliche Rückschläge - für viele Beschäftigte dürften sie sich auch wie gebrochene Versprechen anfühlen. Zahlreiche der wirtschaftlichen Leuchttürme, die gerade zu wackeln drohen, sind einst mit Fördermillionen in den Osten geholt worden. Im Fall von Zalando waren es 22 Millionen Euro. Seine vertragliche Schuldigkeit hat das Unternehmen getan, die Zweckbindung der Gelder ist ausgelaufen, heißt es aus dem Thüringer Wirtschaftsministerium. Doch die Beschäftigten dürften das anders sehen.
Hohe Energiepreise, schwache globale Nachfrage, Konkurrenz aus dem Ausland: Die kriselnde deutsche Wirtschaft ist kein Ost-Phänomen, doch angesichts schwacher Wirtschaftsprognosen und einem Höchststand bei den Firmenpleiten dürfte insbesondere vom Osten auch wirtschaftspolitischer Druck auf den Bund ausgehen: In Sachsen-Anhalt macht sich die AfD berechtigte Hoffnungen, nach der Wahl im September die erste Landesregierung zu stellen. Sie buhlt um Stimmen der Enttäuschten und Verärgerten.
Experte: Teils kaum noch Unterschied zwischen Ost und West
Aber wackelt der Aufschwung Ost gerade generell? «Geht es um die wirtschaftlichen Aufholprozesse nach der Einheit, steht meist die noch immer vorhandene Ungleichheit im Vordergrund», schreibt Martin Gornig vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in einer Analyse zu den Unterschieden zwischen Ost und West.
«Dabei wird aber übersehen, dass es in den ostdeutschen Städten und Kreisen, abgesehen von den Großstädten, im Vergleich zu ihren westdeutschen Pendants kaum noch Unterschiede gibt.» Viele ostdeutsche Regionen schreiben laut Gornig sogar Erfolgsgeschichten.
Davon berichtet auch die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Susanne Kaiser, in ihrem aktuellen Bericht. «Die ostdeutsche Wirtschaft wächst bereits seit Jahren stärker als die westdeutsche.» Viele Regionen im Osten hätten sich als attraktive Standorte für Forschung, Technologie und Start-ups etabliert.