Wie hat sich das Unternehmen seitdem entwickelt?
Die zunächst staatliche Deutsche Lufthansa AG wurde im Unterschied zu ihrer Vorgängerin nicht mit der deutschen Flugzeugindustrie verbunden. Sie nahm ihren Linienbetrieb am 1. April 1955 auf und erarbeitete sich im Wirtschaftswunder vor allem mit US-amerikanischen Boeing-Flugzeugen Marktanteile. Vollständig privatisiert wurde sie schließlich 1997 und wandelte sich zum Luftverkehrskonzern mit eigenen Sparten für die Wartung, Fracht und anfänglich noch Verpflegung.
Nach dem Aufbau des internationalen Kooperations-Netzwerks «Star Alliance» begann das Unternehmen zudem, einstmals staatliche Fluggesellschaften der Nachbarstaaten zu übernehmen. Es entstand der nach Umsatz viertgrößte Luftverkehrskonzern der Welt. Heute gehören die einstigen Staats-Carrier der Schweiz, Belgiens, Österreichs und Italiens zur Lufthansa-Gruppe, die als Nächstes für die portugiesische TAP bieten will. In der Corona-Krise wurde Lufthansa von den Herkunftsstaaten ihrer Airlines mit Milliardenhilfen gerettet, die bereits wieder zurückgezahlt sind.
Wie steht das Unternehmen aktuell da?
In den Augen vieler Anleger und auch des eigenen Aufsichtsrats ist die Lufthansa ziemlich ertragsschwach unterwegs. Obwohl das kapitalintensive Unternehmen ein immer größeres Rad dreht und im vergangenen Jahr den Umsatz erneut um fünf Prozent auf 39,6 Milliarden Euro geschraubt hat, wurde unter dem Strich mit 1,3 Milliarden Euro weniger Gewinn gemacht als 2024. Die Rückkehr in den mittlerweile erweiterten Spitzen-Index Dax hat die Lufthansa nach ersten Kursabschlägen wegen des Iran-Kriegs vorerst verpasst.
Hilfreich waren 2025 billiges Kerosin und eine deutlich verbesserte Pünktlichkeit, die zu geringeren Entschädigungszahlungen an Passagiere führte. Bei der mit Abstand größten Gesellschaft, der Kernmarke Lufthansa, läuft ein Sanierungsprogramm, in dessen Verlauf im Konzern rund 4.000 Stellen abgebaut werden sollen.
Zusätzlichen Umsatz und geringere Kosten sollen in den kommenden Jahren neue, effizientere Interkontinental-Flugzeuge und die neue Kabinenausstattung «Allegris» bringen. Kommerzielle Stützen sind die Wartungstochter Lufthansa Technik und das Frachtunternehmen Lufthansa Cargo. Bei den Airlines hat die kleine Swiss rund die Hälfte des operativen Gewinns von 1,1 Milliarden Euro eingeflogen.
Wie sind die Perspektiven?
Grundsätzlich wird der Luftverkehr schneller von politischen Krisen getroffen als andere Branchen. Der von den USA und Israel begonnene Iran-Krieg hat die Kerosinpreise schnell in die Höhe getrieben und gefährdet nach Corona erneut die Lieferketten. Sollte der Krieg länger anhalten, könnten Kaufkraftverluste infolge von Inflation und Wirtschaftsschwäche die Airlines Kunden kosten.
In einer internen Brandrede hat Spohr seine Mannschaft bereits auf härtere Zeiten eingestimmt. Er lässt Szenarien prüfen, einen Teil der Flotte vorübergehend stillzulegen und Beschäftigte in Kurzarbeit zu schicken. Kurzfristig erzielen Lufthansa und andere Airlines auf ihren Asien-Routen aber höhere Einnahmen, weil die arabische Konkurrenz ihre Drehkreuze nahe am Kriegsgebiet nicht oder nur eingeschränkt nutzen kann.
Offen ist die Frage nach weiteren Streiks des fliegenden Personals. Deren Gewerkschaften Vereinigung Cockpit und Ufo haben sich mit Urabstimmungen streikbereit gemacht und schon mehrfach die Arbeit niedergelegt. Offiziell geht es in den Auseinandersetzungen um Randthemen wie die betriebliche Altersversorgung bei den Piloten oder den Manteltarifvertrag bei den Flugbegleiterinnen und Flugbegleitern. Dahinter steht aber die Konzernstrategie, zunehmend Flugzeuge und Arbeitskräfte auf Flugbetriebe zu verlagern, in denen geringere tarifliche Standards gelten.