Auch das Risiko für Verletzungen innerer Organe (1,46-mal höher) und Gefäßtraumata (3,24-mal höher) übersteigt das von Motorradfahrern deutlich, während das Risiko für Knochenbrüche im Vergleich geringer ausfällt. Das berechneten die Forscher auf Basis von Daten des nationalen Traumaregisters (aus dem Zeitraum 2020 bis 2022) und Berichten eines Leihanbieters aus 18 Städten in England und Wales (aus dem Zeitraum 2020 bis 2024).
E-Scooter-Fahrer besonders fehleranfällig
"Was wir bei den E-Scooter-Fahrern beobachten, ist, dass sie gemessen an der Fahrleistung mehr Fehler machen als Radfahrende", sagt Unfallforscherin Zeidler. Der häufigste sei, dass diese die Fahrbahn falsch benutzten oder verbotenerweise auf dem Gehweg fahren würden. Außerdem komme es häufiger vor, dass der Fahrer oder die Fahrerin Alkohol konsumiert habe. Gefährlich wird es auch, wenn zwei - oder sogar drei - Leute gleichzeitig mit dem E-Scooter fahren. Das Problem: Diese haben laut Zeidler eine ganz andere Fahrdynamik, als man sie von Fahrrädern gewohnt ist. Diese haben kleinere Räder, die Stabilität ist schlechter. Dazu kommt ein vergleichsweise hohes Gewicht.
Dadurch kann es schneller wackelig werden, wenn man Bordsteinkanten überfährt, Hindernissen ausweichen oder plötzlich bremsen muss. Und noch wackeliger wird es mit mehreren Fahrgästen. "Bei einer Geschwindigkeit von 20 km/h, die man ja mit einem Scooter fahren kann, kommt es dann im Zweifel erst recht zum Sturz", sagt Zeidler. Entsprechend hoch sei der Anteil der Alleinunfälle. 16 der 33 Menschen, die 2025 in der Folge von E-Scooter-Unfällen starben, verunglückten der Statistik zufolge ohne Beteiligung anderer.
Bei Stürzen mit dem E-Scooter brechen sich viele der Fahrer oder Fahrerinnen nach den Erfahrungen von Professor Rainer Wirtz von den Bezirkskliniken Schwaben die Arme oder Hände. "Die andere große Gruppe ist die mit Kopfverletzungen, weil die meisten keinen Helm tragen." Darüber hinaus kann es nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendchirurgie bei E-Scooter-Unfällen zu Verletzungen des Bauchraums und Knochenbrüchen im Rumpfbereich kommen. Oft sind die Unfälle demnach schwer und ein Teil der Betroffenen muss stationär im Krankenhaus bleiben.
Großes Gesundheitsrisiko bei Unfällen: "Unterbricht oft Lebensläufe"
Bei schweren Schädel-Hirn-Traumata seien die Folgen dramatisch, sagt Wirtz. "Das unterbricht oft Lebensläufe. Das sind in allererster Linie jüngere Menschen, die aus der Ausbildung oder der Schule herausgeholt werden und häufig nicht mehr an ihre vorherige Laufbahn anknüpfen können." Das Risiko eines schweren Unfalls wird aus seiner Sicht bei den E-Scootern oft unterschätzt. "Die stehen an jeder Ecke herum und erinnern an die Tretroller, die man als Kind benutzt hat", meint er. "Dass etwas passieren kann, ist da nicht im Bewusstsein."
Die Fußgängerlobby Fuss e.V. sieht E-Scooter, die auf Gehwegen fahren, eindeutig als Gefahr. Gerade Kinder und alte Leute könnten den Gefährten nicht schnell genug ausweichen, betont Sprecher Roland Stimpel. "Das heute chaotische E-Scooter-Fahren muss dringend zivilisiert werden." Der Verein fordert deshalb hohe Geldbußen für das Fahren auf dem Gehweg – ähnlich wie in Frankreich von 135 Euro. Das Verwarngeld sei aber gerade von 15 auf viel zu geringe 25 Euro erhöht worden, kritisiert Stimpel. Das Mindestalter sollte auf 15 Jahre angehoben werden und ein Kenntnisnachweis wie beim Mofa verpflichtend sein. "Wir wollen E-Scooter nicht pauschal verbieten", sagt er. "Richtig genutzt können sie durchaus nützlich sein."
Fachleute wie der Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention, Prof. Ingo Tusk, befürchten, dass die E-Scooter, die überall in der Stadt herumstehen, dazu verleiten, sich noch weniger zu bewegen. "Da werden selbst die kleinen Wege nicht mehr zu Fuß gemacht."
"Sehen großen Nachholbedarf": Expertin fordert erweiterte Verkehrsausbildung
Bedenklich findet er das vor allem, weil immer mehr Kinder und Jugendliche übergewichtig seien. Neben gezieltem Sport seien deshalb kleine Aktivitäten im Alltag wichtig - wie Treppensteigen, zu Fuß zur Schule gehen oder mit dem Fahrrad fahren, sagt der Chefarzt für Sportorthopädie und Endoprothetik an den Frankfurter Rotkreuz-Kliniken. Der Bewegungsmangel im Alltag wirke sich zudem negativ auf die motorische Entwicklung der Kinder und Jugendlichen aus, hat Tusk beobachtet. "Es gibt viele, die nicht mehr Radfahren oder schwimmen können."
"Wir müssen die Jugendlichen befähigen, am Straßenverkehr sicher teilnehmen zu können", sagt Zeidler. "Da sehen wir einen ganz großen Nachholbedarf." Der Fahrradführerschein in der Grundschule vermittle nur das Basiswissen fürs Radfahren und reiche nicht. Zudem kämen bei Jugendlichen andere Themen dazu, wie riskanteres Fahren, Alkoholkonsum oder Handynutzung im Verkehr. Die Expertin plädiert deshalb für eine Verkehrsausbildung in der weiterführenden Schule.
Die deutsche Verkehrswacht bietet bereits seit 2019 E-Scooter-Trainings an. "Hier geht es nicht nur darum, Verkehrsregeln zu vermitteln, sondern die Fahrenden in ihrem Risikobewusstsein und ihrer Fahrkompetenz zu stärken sowie rücksichtsvolles Verhalten im Straßenverkehr zu fördern", erklärt Sprecherin Elisabeth Fitzke. Die Plattform Scootskills bündelt zudem seit Juli Informationen und Angebote, damit man passende Trainings in der Umgebung finden kann oder etwa Schulen selbst solche auf die Beine stellen können.