100.000 Berliner sitzen tagelang ohne Strom in dunklen und kalten Wohnungen, doch der Bürgermeister spielt Tennis. Seine Begründung dafür – und was er selbstkritisch über die Kommunikation denkt.
Trotz scharfer Kritik und Rücktrittsforderungen sieht Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner keinen Anlass, sich für sein umstrittenes Tennismatch während des tagelangen Stromausfalls zu entschuldigen. «Es gibt ja keinen Grund zur Entschuldigung, wenn man eine Krise anderthalb Tage vorher beendet», sagte der CDU-Spitzenkandidat für die Wahl eines neuen Landesparlaments im September. «Wir haben das gut hinbekommen.»
Der größte Blackout in der Berliner Nachkriegsgeschichte mit rund 100.000 Betroffenen konnte am Mittwochvormittag repariert werden, einen Tag früher als vom Senat angekündigt. Der Stromausfall im Südwesten der Millionenstadt war durch einen Brandanschlag ausgelöst worden, mutmaßlich von Linksextremisten.
«Ich musste abschalten»
Wegner äußerte erneut auch Selbstkritik. Dass er von dem einstündigen Sporttermin am Samstagmittag, wenige Stunden nach Beginn des Blackouts, tagelang nichts gesagt hat, sieht er nach eigenen Worten als Fehler an. Der Sport sei aber «schlicht nicht in seinem Fokus» gewesen, sondern die Frage, wie er diese Krise schneller beenden könne.
Zugleich verteidigte er das Tennismatch mit seiner Lebensgefährtin, Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU). «Mir war an diesem Tag wichtig, dass ich eine Stunde Sport mache», sagte Wegner. «Ich musste abschalten. Ich musste herunterkommen. Ich musste meine Gedanken fassen und ordnen.»
Wegner ist seit April 2023 Regierungschef, seine CDU koaliert mit der SPD. Am 20. September wird in der Hauptstadt ein neues Abgeordnetenhaus gewählt.
Koalitionspartner geht auf Distanz
Der Koalitionspartner SPD ging auf Distanz. Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey sagte zu dem Tennismatch: «Ich kann es nicht ganz nachvollziehen.» Aus der Bevölkerung bekomme sie «sehr irritierte Reaktionen».
SPD-Fraktionschef Raed Saleh sagte der Deutschen Presse-Agentur, es sei ein «unverständlicher Umgang» des Regierungschefs mit der Krise. Berlins früherer Regierender Bürgermeister Walter Momper, ebenfalls SPD, bilanzierte im dpa-Interview: «Er hat die Dimension der ganzen Geschichte nicht erkannt.»