Online statt Laden? Lebensmittel-Lieferdienste rüsten auf

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Online-Handel
Mit ein paar Klicks kann man per App oder Online den Wocheneinkauf zusammenstellen. (Symbolbild)
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Sina Schuldt/dpa
Picnic - Automatisiertes Lager
Picnic hat in Oberhausen ein automatisiertes Lager.
Picnic - Automatisiertes Lager
Rolf Vennenbernd/dpa
Aldi Süd testet Lebensmittel-Lieferdienst im Ruhrgebiet
Aldi Süd testet ein Liefer-Modell regional in mehreren Städten in Nordrhein-Westfalen. (Archivbild)
Aldi Süd testet Lebensmittel-Lieferdienst im Ruhrgebiet
ALDI SÜD/dpa

Lebensmittel werden zunehmend online bestellt. Amazon und Rewe setzen nun auf besonders schnelle Lieferungen – was steckt hinter der neuen Offensive?

Grelles Licht, piepsende Kassen und genervte Blicke in überfüllten Gängen – der Einkauf bei Supermärkten und Discountern ist oft purer Stress. Kein Wunder, dass Menschen in Deutschland ihre Lebensmittel und Produkte des täglichen Bedarfs zunehmend per App oder im Netz bestellen. 

Nun kommt erneut Bewegung in die Angebote der Lebensmittel-Lieferdienste. Ein Überblick. 

Was ändert sich bei den Anbietern? 

Amazon liefert seit Ende Oktober frische Lebensmittel am selben Tag in Köln, Frankfurt und München an seine Kunden. Eine Ausweitung auf weitere Städte sei außerdem geplant, teilte das Unternehmen mit. 

Für Prime-Mitglieder ist die Lieferung innerhalb von vier Stunden ab 29 Euro kostenlos. Liegt der Bestellwert darunter, fällt eine Gebühr von 3,99 Euro an. Wer keine Prime-Mitgliedschaft hat, zahlt knapp 10 Euro, unabhängig vom Warenkorbwert. Wer es noch eiliger hat, kann ein 2-Stunden-Fenster buchen. Das kostet aber für alle extra. 

Rewe startete bereite Mitte September eine «Sofort-Lieferung». Über die Plattformen Uber Eats, Wolt und Lieferando werden Einkäufe direkt aus den Märkten an die Kunden geliefert. Maximal eine Stunde soll das dauern und ist zunächst in Köln, Frankfurt am Main, Hamburg und Jena angelaufen.

Für Amazon ist der Handel mit Lebensmitteln nicht neu. Der Konzern startete bereits 2017 den Lieferservice «Amazon Fresh», stellte ihn Ende 2024 jedoch wieder ein. Damals erklärte das Unternehmen, sich auf das wachsende Geschäft mit haltbaren Lebensmitteln konzentrieren zu wollen. Nun unternimmt Amazon einen neuen Anlauf. 

Warum investieren die Händler jetzt? 

«Es ist die letzte Bastion im stationären Handel, die quasi noch nicht stark vom Digitalen durchdrungen ist», sagt Frank Düssler, Pressesprecher des Bundesverbands E-Commerce und Versandhandel Deutschland (BEVH). Hier sei noch viel Potenzial. Es liege also nahe, in diesen Bereich vorzudringen und sich ein Stück von dem «riesigen Kuchen» abzuschneiden. 

Der Online-Lebensmittelbereich sei aber keine einfache Branche, betont Düssler. Die Markteintrittshürden seien hoch. Um frische Lebensmittel zu liefern, brauche man unter anderem gute Logistikstrukturen. Über diese verfügten Händler wie Rewe und Amazon bereits. 

Ob sie damit erfolgreich sein werden, lässt sich Düssler zufolge nicht absehen. Die Voraussetzungen seien inzwischen jedoch um ein Vielfaches besser. Die Verbraucherbasis sei größer und Lebensmittel online einzukaufen sei für viele Menschen selbstverständlicher geworden als noch vor ein paar Jahren. 

Wie entwickelt sich der Markt für Online-Lebensmittel?

Nach Angaben des Marktforschungsunternehmens NIQ bestellen Verbraucher mehr Produkte des täglichen Bedarfs (FMCG) wie Lebensmittel online. Das Onlinegeschäft mit Lebensmitteln wuchs demnach zuletzt um 11,8 Prozent, während der stationäre Handel hier lediglich 2,2 Prozent zulegen konnte. Selbst Warengruppen wie Babynahrung, die in Geschäften Einbußen verzeichnen, wachsen demnach online.

Dahinter stehen laut NIQ auch veränderte Einkaufsgewohnheiten. Den Marktforschern zufolge bestellen Verbraucher Lebensmittel und Getränke häufiger online, zudem sind die durchschnittlichen Ausgaben pro Käufer gestiegen. Der Onlineanteil am gesamten FMCG-Umsatz liegt jedoch lediglich bei knapp 9 Prozent.

Wie viele Verbraucher nutzen Lieferdienste und warum?

Der stationäre Lebensmittelhandel bleibt weiterhin erste Wahl, wie eine Studie des Handelsforschungsinstituts IFH Köln zeigt. Trotz wachsender Onlineangebote sei die Zurückhaltung beim Kauf von Lebensmitteln online nach wie vor groß, heißt es. 

Laut einer im Juli durchgeführten Befragung haben 71 Prozent in den vergangenen sechs Monaten keinen Online-Lebensmitteldienst genutzt. Viele begründen das damit, dass sie frische Waren vor dem Kauf sehen, anfassen und riechen möchten, oder Liefergebühren und Mindestbestellwerte als unnötige Zusatzkosten empfinden. 

29 Prozent haben hingegen im vergangenen halben Jahr Online-Lebensmitteldienste genutzt. Die am häufigsten genannten Gründe: Zeitersparnis im Alltag, Entlastung beim Tragen schwerer Einkaufstüten und Getränkekisten und Unabhängigkeit von Öffnungszeiten. 13 Prozent der Nutzer kaufen fast nur noch im Internet. Das IFH Köln hat 500 Konsumenten zwischen 18 und 69 Jahren repräsentativ befragt.

Gibt es auch andere Modelle?

Der niederländische Anbieter Picnic führte Anfang November deutschlandweit das Abo-Modell «Picnic Family» ein. Das Abo kostet je nach Tarif 4,99 bis 6,99 Euro im Monat. Abonnenten erhalten beim Einkauf unter anderem bevorzugte Lieferfenster und Rabatt auf frisches Obst und Gemüse. Der Online-Supermarkt Flaschenpost gab kürzlich bekannt, sein Lebensmittelsortiment von 4.000 auf 8.000 Artikel zu verdoppeln.

Was machen die übrigen Supermärkte?

Beim Discounter Aldi Nord heißt es, die Einführung eines Lieferdienstes sei nicht vorgesehen. Aldi Süd hingegen testet einen solchen seit einigen Jahren regional in mehreren Städten in Nordrhein-Westfalen, unter anderem in Duisburg, Oberhausen und Mönchengladbach. Lidl bietet bislang keinen Lebensmittel-Lieferservice an.

Frank Düssler vom Branchenverband BEVH ist überzeugt: Auch der Discounter um die Ecke oder der Großstadt-Supermarkt hat eine Zukunft. «Der Deutsche kann nicht loslassen von seinem Supermarkt.» Auch wenn der Onlinehandel wachse, werde der stationäre Supermarkt überleben.