Laut der Volkszählung von 2022 leben mehr als 57 Prozent der Bevölkerung von Belém in Favelas, wie dort die Armenviertel genannt werden, der höchste Prozentsatz unter den brasilianischen Provinzhauptstädten. 16 Prozent der Einwohner der Hauptstadt des Bundesstaates Pará haben keinen Zugang zu einer Kanalisation.
Merz war nur 20 Stunden in Belém
Merz hielt sich nur rund 20 Stunden in Bélem auf. Er flog mit seinem Regierungsflieger abends von Deutschland nach Brasilien ab und kam in der Nacht in Belém an. Am nächsten Tag folgte ein eintägiges Programm auf der Klimakonferenz, die in einem riesigen, abgeschotteten Kongresszentrum stattfindet. Seine Eindrücke von der Stadt gewann er vor allem auf den Kolonnenfahrten vom und zum Flughafen. Am Abend gab es allerdings noch eine Bootstour zu einem Restaurant am Amazonas, wo er zu einem Abendessen mit Wirtschaftsvertretern verabredet war.
Die Szene, die Merz beim Handelskongress schilderte, spielte bei einem Hintergrundgespräch mit Journalisten in seinem Vier-Sterne-Hotel. «Die Bemerkung bezog sich im Kern auf den Wunsch der Delegation nach einem sehr anstrengenden Nachtflug und einem langen Tag in Belém auch, die Rückreise wieder anzutreten», sagte Kornelius.
«Kleine Hierarchisierung» der schönsten Länder der Welt
Der Regierungssprecher widersprach der Lesart, dass sich der Kanzler «missfallend» oder gar «angewidert» über die Stadt am Amazonas geäußert habe. «Er hat gesagt, wir leben in einem der schönsten Länder der Welt und das hat er auf Deutschland bezogen», erläuterte Kornelius. Brasilien gehöre zwar sicherlich auch zu den schönsten Ländern der Welt. «Aber, dass der deutsche Bundeskanzler hier eine kleine Hierarchisierung vornimmt, ist, glaube ich, jetzt nicht verwerflich.»
In Deutschland erinnerten sich trotzdem einige an eine Debatte, die Merz eigentlich für überwunden gehalten hatte. Stichwort: Stadtbild. Dass Merz im Zusammenhang mit Migration von Problemen im Stadtbild in Deutschland gesprochen hatte, wird ihn wohl seine ganze Amtszeit verfolgen. Der «Spiegel» überschrieb seinen allmorgendlichen Newsletter mit der Schlagzeile «Merz gefällt das Stadtbild in Brasilien nicht».
Es gab einzelne Forderungen nach einer Entschuldigung, von der Linken und von Greenpeace zum Beispiel. «Langsam fragt man sich, ob der Kanzler überhaupt noch irgendwo auftreten kann, ohne Deutschland in Erklärungsnot zu bringen», sagte die Co-Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion, Katharina Dröge, der Deutschen Presse-Agentur. «Das Bild, das der Kanzler bei seiner Brasilienreise abgegeben hat, war fatal: außenpolitisch taktlos, klimapolitisch ambitionslos und gegenüber Brasilien schlicht respektlos.»
Der Umweltminister schwärmt von «großartiger Stadt»
Umweltminister Carsten Schneider (SPD) wurde auf der Konferenz von brasilianischen Journalisten in die Mangel genommen. «Belém ist der beste Austragungsort, den man sich für eine Konferenz vorstellen kann, wo es um das Weltklima geht», sagte er – nicht nur mit Blick auf den Amazonas, sondern auch die Lebendigkeit und «Seele» der Stadt. Er selbst habe Lulas Ratschlag befolgt und die Natur und «Herzlichkeit der Menschen» in der Region kennengelernt. «Was ich nicht gemacht habe, ist Tanzen. Ich glaube, das wird mit meinem Talent auch nichts mehr.»
Am Nachmittag traf Schneider Lula. «Ich hab ihn gebeten, Präsident Lula meine herzlichen Grüße auszurichten», sagte Merz. Er selbst freue sich auf sein Gespräch mit Lula beim G20 in Johannesburg.