Mehr als 70 mutmaßliche Opfer, darunter Kinder ab zwei Jahren: In Potsdam beginnt der Prozess gegen einen Kinderarzt, der über Jahre hinweg Patienten sexuell missbraucht haben soll.
Ein Kinderarzt, der über Jahre Patienten sexuell missbraucht haben soll, steht ab diesem Montag (2. November 2026) vor dem Landgericht Potsdam. Dem Mediziner werden 130 Fälle zur Last gelegt. Die Staatsanwaltschaft geht von mehr als 70 Betroffenen im Alter zwischen 2 und 20 Jahren aus. Der Kinderarzt aus dem Havelland in Brandenburg soll das Behandlungsverhältnis ausgenutzt haben. Einen Großteil der Taten soll er während seines Dienstes im Krankenhaus verübt haben (Az. 22 KLs 6/26 jug.).
Das Gericht rechnet zum Prozessauftakt mit einem großen Andrang im Verhandlungssaal. Sicherheitskontrollen sind vorgesehen.
Ermittlungen nach Anzeige einer Mutter: Kinderarzt soll in 130 Fällen Partienten missbraucht haben
Der Verteidiger des Angeklagten, Ursus Koerner von Gustorf, teilte mit, es werde zu Beginn des Prozesses eine Erklärung geben. Es ist zudem davon auszugehen, dass mindestens in einem Teil des Prozesses die Öffentlichkeit ausgeschlossen wird – zum Schutz minderjähriger Betroffener.
Es sind 18 Verhandlungstage angesetzt. Mitte Dezember soll der Prozess am Landgericht Potsdam zu Ende gehen.
Die Anzeige einer Mutter brachte im vergangenen November die Ermittlungen gegen den Arzt ins Rollen. Er kam in Untersuchungshaft. Nach Durchsuchungen nahm der Fall große Ausmaße an. Die Anklage beschuldigt den Kinderarzt, Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung in 130 Fällen begangen zu haben. Der Tatzeitraum soll sich auf mehr als zehn Jahre erstrecken.
Taten über mehr als 10 Jahre: Expertin hält Fall für "sehr bedenklich"
Die Vorwürfe erschütterten das Vertrauen von Patienten und ihren Familien. Der Arzt war bis 2025 an der Havelland-Kliniken GmbH beschäftigt, die westlich von Berlin zwei Krankenhaus-Standorte betreibt.
Die Expertin Ulrike Hoffmann von der Unabhängigen Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs sagte: "Die hohe Opferzahl macht deutlich, dass es anscheinend sehr lange gedauert hat, bis der Täter ›aufgeflogen‹ ist, und das ist sehr bedenklich." Eine Aufarbeitung sei nach solchen Missbrauchsfällen in Institutionen dringend notwendig, damit sie sich nicht wiederholten.