Freibeträge steigen künftig jährlich
Hier setzt die Reform ebenfalls an: Die bei der Bafög-Berechnung geltenden Freibeträge etwa für Eltern oder Ehepartner werden vom 1. August 2028 an jährlich um 1,5 Prozent erhöht. Das soll verhindern, dass der Kreis der Förderberechtigten durch Inflation und Lohnsteigerungen schleichend kleiner wird.
Kosten: Rund eine Milliarde Euro
Anträge können künftig nach dem Willen der Bundesregierung bis auf Ausnahmen nur noch über das Portal «Bafög digital» gestellt werden. Bürokratie fällt zudem durch das Streichen des sogenannten Leistungsnachweises weg. Bisher mussten Bafög-Empfänger im fünften Semester nachweisen, dass sie beim Studium im Zeitplan liegen.
Die Mehrausgaben für Bund, Länder und Gemeinden durch die Reform werden in den kommenden vier Jahren mit insgesamt gut einer Milliarde Euro veranschlagt.
Kritiker: Reform kommt zu spät und reicht nicht
Das Deutsche Studierendenwerk sprach von einem «wichtigen Signal». Sein Vorsitzender Matthias Anbuhl erklärte: «Mit dem heutigen Kabinettsbeschluss endet eine viel zu lange Phase der politischen Ungewissheit.» Es gebe aber Korrekturbedarf. So werde auch die erhöhte Wohnkostenpauschale weit unter der durchschnittlichen Miete von 512 Euro für ein WG-Zimmer auf dem freien Wohnungsmarkt liegen. Und die vollständige Angleichung des Bafög-Grundbedarfs an das Existenzminimum bis 2029 dauere zu lange.
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) nannte die Reform «ein verspätetes Reförmchen mit eingebautem Sozialabbau» und forderte: «Das darf der Bundestag nicht durchwinken.» Die Grünen-Forschungspolitikerin Ayse Asar warf Union und SPD vor, die Studentinnen und Studenten im Stich zu lassen. Die Reform «kommt zu spät und greift zu kurz».
Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund sieht bei den Erhöhungen und künftigen Anpassungen weiteren «Handlungsbedarf». Seine Vize-Vorsitzende Elke Hannack erklärte: «Die Ausbildung der nächsten Generation muss dieser Gesellschaft mehr wert sein.»
Empfänger-Zahl auf niedrigem Stand
2024 zählte das Statistische Bundesamt rund 612.800 Bafög-Empfänger - der niedrigste Stand seit dem Jahr 2000. 71 Prozent davon wohnten nicht bei ihren Eltern. Unter den Empfängern waren 483.800 Studentinnen und Studenten und 129.000 Schülerinnen und Schüler. In Deutschland sind rund 2,9 Millionen Menschen zum Studium eingeschrieben, es gibt etwa 11,5 Millionen Schüler.
Hohe Wohnkosten belasten Studierende
Die hohen Wohnkosten sind für Studierende besonders belastend. Im Schnitt kostete ein WG-Zimmer nach einer Erhebung des Moses-Mendelssohn-Instituts zuletzt 512 Euro, mit großen regionalen Unterschieden: In München waren es 800, in Bielefeld oder Bochum 375 bis 385 Euro. Studentinnen und Studenten, die nicht mehr bei den Eltern wohnen, geben laut Statistischem Bundesamt im Schnitt mehr als die Hälfte ihres Haushaltseinkommens für Wohnkosten aus.
55 Jahre Bafög
Das «Bundesausbildungsförderungsgesetz» (Bafög) trat am 1. September 1971 in Kraft, um Bildungsschranken abzubauen, wie die damals zuständige Bundesjugendministerin Käte Strobel (SPD) sagte. Erst war es ein reiner Zuschuss ohne Rückzahlung, später wurde daraus ein Volldarlehen. Seit 1990 gilt grundsätzlich: Eine Hälfte ist geschenkt, die andere ist zurückzuzahlen. Millionen junger Leute haben sich mit Hilfe von Bafög bisher Studium und Schulausbildung finanziert.