Wie konnten wir uns nur so irren! Hatten wir doch jahrelang geglaubt, "Das Rheingold" sei eine Oper von Richard Wagner! Gut, die Musik stammt tatsächlich von ihm, und den Text hat er auch verfasst. Aber die restlichen 75 Prozent, die kommen in Wirklichkeit von Frank Castorf! Da hat uns Bayreuth endlich die Augen für die wahren Verhältnisse geöffnet.

Selbst wenn man offen in die Vorstellung hineinging und selber sehen wollte, wofür Castorf im vergangenen Jahr eigentlich so viel Schelte bezogen hat, konnte man am Ende verärgert und enttäuscht wieder herauskommen. Grund ist nicht Castorfs Idee, den Ort der Handlung vom Grunde Rheins an eine amerikanische Tankstelle an der Route 66 zu verlegen, an der schon seit zwei Wochen niemand mehr getankt hat, mit einem klebrigen Bistro und mit einem heruntergekommenen Motel im ersten Stock (Tennessee Williams lässt grüßen). Das ist schon sinnvoll, wenn man davon ausgeht, dass das Gold, um das heute Kriege geführt werden, das Öl ist.

Und wenn man bei der dramatischen Entwicklung der Ring-Tetralogie unten anfangen will, um sie kontinuierlich bis zur Ölmagnaten-Dämmerung aufzubauen, kann man durchaus an einer Tankstelle starten. Und für den Bühnenbildner Denic ist es ja auch ein dankbares Sujet. Und es stimmt auch, dass die drei Saloon-Flittchen (bei Wagner: Rheintöchter) den schatzgeilen Alberich neckend und ablenkend auf den Arm nehmen. Aber sie scheinen noch nie etwas anderes bewacht zu haben als ihre Reizwäsche auf der Wäschespinne. Und der Nibelungenhort ist im "Hochsicherheitsplanschbecken" in einem Meter Tiefe versenkt. Da heißt's schon aufpassen. Aber hier reißt dann auch schon der konzeptionelle Faden, und die Rheintöchter werden bis zum Schluss zur Kulisse.

Keine Ahnung von Opern

Nein, was wirklich ärgerlich ist, ist die Umsetzung der Vorlage. Man gewinnt den Eindruck, dass Castorf überhaupt nicht weiß und auch nicht wissen will, wie Oper funktioniert. Er verwendet die Mittel, auf die er sich seit über zehn Jahren auf seiner Berliner Volksbühne zurückgezogen hat, wo sie auch nicht immer ausreichend sind: Drehbühne (also Tankstelle von vorne, hinten und von den Seiten) und Videokameras, mit denen er neue Räume und Perspektiven schafft, die auf eine große Leinwand über der Tankstelle projiziert werden. Castorf produziert vor allem Bilder, viele Bilder, sehr viele Bilder, einen Overkill an Bildern. In diesem Überangebot ersäuft der Zuschauer (Zuhörer kann man schon nicht mehr sagen). Er ist ständig hinterherhechelnd damit beschäftigt, die Bilder auf der Leinwand mit denen aus der Tankstelle abzugleichen, Perspektiven zu durchschauen, Personen zu identifizieren.

Und dann zu suchen, wer eigentlich gerade singt. Das ist schwierig: entweder unten im Bühnenbild oder oben auf der Leinwand. Aber immer wieder ist auch mal niemand zu sehen, der seine Lippen bewegt. Bei fünf Bässen und drei tief geführten Tenören ist eine Zuordnung über das Timbre unmöglich, auch nicht über den weitgehend unverständlichen Text (deshalb ein Kompliment an Oleg Bryjaks Alberich und Nadine Weissmanns Erda), und die fünf Frauen sind schon wegen ihrer allgemeinen Blondierung à l'américaine so unterscheidbar wie fünf Weißbrotscheiben.

Dabei ist Live-Oper, auch im größten Brimborium, eine höchst intime Sache zwischen dem Sänger und der Musik, aber auch - und das hat Castorf völlig ignoriert - zwischen Sänger und Zuhörer, dem er sich nicht nur als Rolle, sondern auch als Mensch öffnen muss, dem er sich ausliefert. Und das geht nicht über die Leinwand. Aus dem Videomaterial lässt sich vielleicht ein mittelmäßiger Western zusammenschneiden, aber keine Oper. Wie die sein kann, zeigte ein ganz kurzer Moment, für den Castorf allerdings nichts konnte, in dem Nadine Weissmann mit starker persönlicher Präsenz auf Wotan (Wolfgang Koch) zutritt und ihm ihr warnendes "Weiche, Wotan, weiche" zuruft. Das ist für einen Moment eine starke menschliche Beziehung zwischen den beiden Göttern, da unterbricht sogar die Kameraregie kurz ihr unruhiges Rumgezappe. Da hört man sogar die Musik!

Castors größter Fehler

Denn das ist Castorfs eigentlicher und größter Frevel: Mit seinem selbstverliebten optischen Overkill hat er Wagners Musik zum Soundtrack gemacht. Es ist wie im Kino: Man hört sie gelegentlich, aber man nimmt sie nicht wirklich wahr, weil man mit dem Hinschauen schon ausgelastet ist. Kirill Petrenko hatte der Musik mit einem fabelhaft musizierenden Orchester die zupackende Frische des Vorjahres bewahrt. Aber Castorf schaffte es nicht, sich diese Kraft auf die Bühne zu holen und sie sich dort nutzbar zu machen. Vielleicht sollte Petrenko immer wieder mal kräftig auf die dynamische Tube drücken, um der singenden Truppe und vor allem dem Publikum zu signalisieren: "Wir sind auch noch da!"

Jetzt also noch dreimal Frank Castorfs "Ring". Ziemlich teure Kinokarten. Unverständlich ist: Im letzten Jahr konnte sich Castorf ja noch als kurzfristiger Einspringer für Wim Wenders zum Zeitdruck-Opfer hochstilisieren. Aber er hätte ein Jahr Zeit gehabt, seine zum Teil pubertären Ansammlungen von Aktionen und Aktionismen zu überdenken. Stattdessen hat er es vorgezogen, dieses Mal nicht am Ende zum Eiswürfelbad in der Menge vor dem Vorhang zu erscheinen. Nun aber die gute Nachricht: Es kann nur besser werden.