Mit Dolch der Hitlerjugend
«Der Verdächtige ist schon in frühester Kindheit mit nationalsozialistischem Gedankengut in Kontakt gekommen», erläutert Franck. Dazu habe vor allem sein Onkel beigetragen, der sich vorwiegend um ihn gekümmert habe und der im Nationalsozialismus Mitglied der «Leibstandarte SS Adolf Hitler» war.
Zum 12. Geburtstag bekam er laut Generalstaatsanwaltschaft eine Pistole und einen Dolch der Hitlerjugend. Den soll er bei einer Auseinandersetzung auf dem Gelände eines Internats gezückt haben, wie eine Lehrkraft berichtete. Sie beschrieb den ehemaligen Schüler als kühl berechnend und geltungssüchtig. Mitschüler erinnerten sich demnach an die Feindschaft, die er gegenüber Juden empfand, das sei prägend gewesen.
Neue Zeugin brachte Ermittlungen wieder ins Rollen
Doch wie wurde der Tatverdächtige auf das Altenheim aufmerksam? Er sei oft bei einem Freund in der Reichenbachstraße gewesen, sagte Franck. Am Tatabend soll er daran vorbeigegangen sein. Franck zitiert sinngemäß die Worte, die er gesprochen haben soll: «Die Juden haben alles, wir haben nichts, ich zünde sie jetzt an». Eine Viertelstunde später habe das Haus in Flammen gestanden.
Die Informationen stammen von der Zeugin, die die Ermittlungen wieder ins Rollen brachte. Ein naher Verwandter hatte ihr davon erzählt. Dieser habe mit dem Tatverdächtigen in engem und vertrautem Kontakt gestanden. Nach dem Tod ihres Angehörigen meldete sich die Frau Anfang 2025 bei der Initiative Schulterschluss, die die Generalstaatsanwaltschaft in München einschaltete.
Ermittelt wurde gegen Unbekannt, um nach möglichen weiteren Beteiligten zu suchen. Hinweise darauf fand die Behörde nicht, deshalb endete das Verfahren mit der Einstellung. «Der Mann ist tot und von daher wird es auch keine Gerichtsverhandlung geben und damit auch kein rechtskräftiges Urteil», erklärte Franck. Dennoch sei hier «ein wirklich belastbares und auch deutliches Ermittlungsergebnis rausgekommen».
Akten nicht «auf Nimmerwiedersehen» einsperren
Christian Springer von der Initiative Schulterschluss spricht von einer Sensation, dass die Ermittlungen wieder aufgerollt wurden. Doch für ihn ist das erst der Beginn. «Der tote Täter war mit Sicherheit kein Einzeltäter. Das heißt: Da gibt's noch welche, die was wissen», sagte der Kabarettist der dpa.
Zudem sei vieles noch nicht geklärt. «Wer in das Jahr 1970 blickt, weiß, dass der Judenhass viele geeint hat: Rechte, Linke, palästinensische Terroristen. Ich kann mir auch eine "gemischte" Tätergruppe sehr gut vorstellen.» Seine Bitte: «Mitwisser, Zeugen, meldet Euch!»
In der Tat waren die Verdachtsmomente im Laufe der Jahrzehnte vielfältig. Immer wieder wurde ermittelt, auch von der Bundesanwaltschaft, die das Verfahren gegen eine linksextremistische Gruppierung aber 2017 einstellte.
Oberstaatsanwalt Franck jedenfalls schließt weitere Ermittlungen nicht aus, sollten neue Hinweise auftauchen. «Die Akten werden jetzt nicht auf Nimmerwiedersehen weggesperrt.»