Pakete, die von Robotern zugestellt werden? In fünf bis zehn Jahren könnte es so weit sein - zu diesem Schluss kommt ein Forschungsprojekt, das in Braunschweig vorgestellt wurde.
Roboter statt Paketbote: Ein Forscherteam hat in Braunschweig zwei autonome Fahrzeuge vorgestellt, die miteinander vernetzt selbstständig Pakete zustellen sollen. Ein größeres Fahrzeug ist eine Art mobiles Zwischenlager auf Rädern, das kleinere Fahrzeug bekommt daraus Pakete und fährt sie zum Empfänger. An der Haustür klingeln kann der Zustellroboter nicht, der Empfänger wird per SMS informiert.
Die Vorführung fand am Freitag (22. März 2024) in Braunschweig statt, die dortige Technische Universität ist an dem Projekt beteiligt. Man wolle die "letzte Meile" - also die letzte Strecke bis zum Empfänger - vollständig automatisieren und dadurch Kosten erheblich senken, sagte einer der zuständigen Wissenschaftler der Uni, Torben Hegerhorst. Als positiven Aspekt des Robotereinsatzes nennt er auch eine gute CO2-Bilanz, schließlich fährt kein Transporter mit Verbrennungsmotor mehr bis vor die Haustür des Empfängers. Angewandt werden soll das System vor allem in Städten, wo viele Menschen Pakete empfangen.
Realisierung in "mittlerer Zukunft"? Forscher stellen Roboter für Paketzustellung vor
Bei einer Vorführung war zu sehen, wie ein großes Fahrzeug - ein mobiles Zwischenlager - auf dem Gelände der TU heranrollte und zwei Pakete transportierte. In einem nächsten Schritt brachte ein kleiner Lieferroboter die beiden Sendungen etwa hundert Meter weit um die Ecke, wo ein Mensch die Pakete entgegennahm. Die testweise Zustellung hatte Erfolg - ein menschlicher Paketbote war für die Übergabe nicht nötig. Das große Fahrzeug hat den Angaben zufolge ein Ladevolumen von bis zu neun Kubikmetern und damit so viel wie ein mittelgroßer Transporter. In das kleinere Zustellfahrzeug passen bis zu 30 Pakete.
Das vorgestellte Projekt heißt "LogiSmile - Last-mile logistics for autonomous goods delivery" (deutsch: Letzte-Meile-Logistik zur autonomen Warenlieferung). Vorher waren die Roboter in der Nähe von Barcelona sowie in Ungarn getestet worden, externe Firmen waren dabei eingebunden. Bis zum realen Betrieb dauert es aber noch. Die Realisierung könnte "in mittlerer Zukunft" erfolgen, sagte Hegerhorst, und sprach von fünf bis zehn Jahren als mögliches Zeitfenster bis zum Einsatz im Regelbetrieb.
Experten anderer Hochschulen, die in das LogiSmile-Projekt nicht eingebunden waren, sehen das Thema ebenfalls positiv. "Die Zustellung hat viel Potenzial, schließlich sucht die Paketbranche händeringend nach Arbeitskräften und könnte hierbei durch die Roboter personell entlastet werden", sagt Kai-Oliver Schocke von der Frankfurt University of Applied Sciences. Andere EU-Staaten seien hierbei weiter, zum Beispiel im Baltikum würden Zustellroboter schon eingesetzt. "Deutschland ist spät dran."
Bisher kein Durchbruch in Deutschlands Paketbranche
Der Logistik-Professor gibt zu bedenken, dass sich solche Roboter nicht in jedem Umfeld eigneten. "In Innenstädten sind die Gehwege manchmal zugeparkt mit E-Scootern und Fahrrädern, es gibt Kopfsteinpflaster, die Bordsteine sind mal hoch und mal niedrig – all das sind Unsicherheitsfaktoren, die einen zügigen Ablauf erschweren."
Die Brief- und Paketbranche tüftelt mit Wissenschaftlern schon lange an Roboterkonzepten. Der Durchbruch ist ihr bisher nicht gelungen. Hermes erprobte von 2016 bis 2017 ein autonomes Fahrzeug in Hamburg, das Pakete vom Hermes-Shop zum Empfänger brachte. Die Technik sei noch in einem frühen Prototypenstadium gewesen, sagt eine Hermes-Sprecherin im Rückblick auf das damalige Projekt. Man habe zwar interessante Erfahrungen gemacht. "Für einen Regeleinsatz in der Paketzustellung aber war es einfach noch zu früh."
Konkurrent DHL testete 2017 im hessischen Bad Hersfeld einen "PostBOT" in der Briefzustellung. Dieses Roboterfahrzeug war nur als Unterstützung gedacht: Es fuhr Briefträgern hinterher, die zu Fuß liefen, und transportierte deren Sendungsmengen. Sein Fassungsvermögen lag bei 150 Kilo. Das Projekt wurde nach einiger Zeit eingestellt.
Keine hohen Erwartungen bei Paketbranchen-Verband
Am weitesten kam DPD - dies allerdings nicht in Deutschland, sondern in Großbritannien. Die Firma schickte im Jahr 2022 Zustellroboter in der Stadt Milton Keynes los, um pro Tag bis zu 30 Pakete auszuliefern. Auf die Frage, wie es denn laufe, sagt ein DPD-Sprecher, dass die Roboter noch immer im Einsatz seien. Im Sommer 2023 sei das Vorhaben auf zehn Städte ausgeweitet worden. "Man könnte also sagen, es war ein Erfolg", so der DPD-Sprecher. Eine Ausweitung auf Deutschland sei vorerst aber nicht geplant.
Die Paketmenge wächst seit Langem, weil die Menschen immer mehr im Internet bestellen. Das hat auch eine Retouren-Flut zur Folge, welche die Hochschule Hof mit einem Tool senken will. Der deutsche Paketbranchen-Verband Biek hat bei dem Thema keine allzu hohen Erwartungen. Dessen Chef Marten Bosselmann sieht den Einsatz von Robotern auf der letzten Meile grundsätzlich zwar positiv, sagt aber auch: "Praktische Anwendungsfälle, die schrittweise auf eine große Menge kommen und sich wirtschaftlich lohnen, sind auf absehbare Zeit eher unwahrscheinlich." Autonome Fahrzeuge in der Zustell-Logistik befänden sich aktuell noch im Experimentier- und Forschungsstadium. In Zukunft könnten autonom fahrende Zustellfahrzeuge jedoch eine wichtige Rolle bei der Paketzustellung spielen, sagt Bosselmann, und betont dabei die Bedeutung von flächendeckendem, sicher vorhandenem Breitband-Internet, das für den Roboter-Einsatz nötig sei.