Deutschland
Dieselzusatz

Preis explodiert: Droht der Stillstand auf der Straße? - Verbandssprecher: "Habeck fährt Deutschland an die Wand"

Weil der Preis für Erdgas so hoch ist, geraten auch AdBlue-Produzenten unter Druck. Doch ohne die Dieselbeimischung bleiben die meisten Lkw in Deutschland stehen. Dann könnten ganze Lieferketten zusammenbrechen. Ein Verbandssprecher erhebt schwere Vorwürfe gegen Wirtschaftsminister Habeck.
AdBlue-Mangel: Preis fast verachtfacht - Stehen die Lkw bald still?
Die hohen Gaspreise haben unerwartete Folgen: Der Kraftstoffzusatz AdBlue wird knapp. Wirtschaftsvertreter fürchten fatale Folgen für die deutsche Wirtschaft und die Konsumenten. Foto: Sebastian Willnow/dpa/pixabay

Konsumenten ächzen unter hohen Preisen. Egal ob beim Gas, Strom oder im Supermarkt - überall scheinen die Kosten in die Höhe zu schnellen. Doch auch immer mehr Unternehmen geraten unter Druck: Bereits zu Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine klagten Speditionen und Logistikunternehmen über explodierende Kraftstoffpreise. Diese machten Liefergeschäfte oft unrentabel und erhöhten die Kosten für die Abnehmer, falls die Speditionen die gestiegenen Kosten überhaupt weitergeben konnten. 

Doch es ist nicht allein der Kraftstoffpreis, der den Speditionen zu schaffen macht: Es fehlt gleichzeitig an AdBlue, das in fast allen modernen Lkw, Bussen und Diesel-Pkw dem Treibstoff zugesetzt wird.  Die auf Harnsäure basierende Beimischung zu Dieselkraftstoffen wird nämlich deutlich teurer: Von 130 Euro auf ungefähr 1000 Euro pro Kubikmeter hat sich der Preis ab Werk fast verachtfacht, wie Argus-Marktexperte Hagen Reiners gegenüber der Taz sagt. „Wenn wir kein AdBlue bekommen, stehen in Deutschland die Lkws“, betont der Vorstandssprecher des Bundesverbands Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL), Dirk Engelhardt, gegenüber der Taz deshalb.

AdBlue-Produktionsstopp droht: "Habeck fährt Deutschland an die Wand"

Einen Schuldigen hat der BGL-Chef auch schon ausgemacht: Gegenüber der Bild macht Engelhardt Wirtschaftsminister Robert Habeck schwere Vorwürfe: "Habeck fährt Deutschland sehenden Auges an die Wand! ". Der Hintergrund des Vorwurfs: Zur Produktion von AdBlue sind große Mengen Erdgas nötig. Dank gestiegener Preise und Erdgasumlage ist die Produktion nicht mehr rentabel - trotz der enorm gestiegenen Preise.

AdBlue ist ein sogenanntes Diesel Exhaust Fluid (DEF) und soll schädliche Stickstoffemissionen von Dieselmotoren reduzieren. Seit etwa zehn Jahren werden Lkw-Motoren so gebaut, dass sie AdBlue benötigen, um zu funktionieren: Ohne AdBlue schalten Motoren in den Notbetrieb und regeln die Geschwindigkeit drastisch herunter. AdBlue gilt als Nebenprodukt der Düngemittelindustrie. Rund 40 Prozent des Kraftstoffzusatzes wird allein von den SKW Stickstoffwerken Piesteritz in Wittenberg hergestellt. Doch dort steht die Produktion still.

SKW müsse nun monatlich 30 Millionen Euro Gasumlage zahlen, sagte ein Firmen-Sprecher gegenüber der dpa. Das sei finanziell nicht zu stemmen. Das Unternehmen fordert Entlastungen bei der Umlage. Es gehe nicht darum, bevorzugt zu werden. "Es geht uns darum, international wettbewerbsfähig zu bleiben", sagte der Sprecher. "Wenn alles so bleibt wie jetzt, dann werden wir gezwungen sein, spätestens zum 1. Oktober Kurzarbeit anzumelden", sagte er. Das würde nahezu alle der rund 860 Arbeitsplätze bei SKW betreffen. "Kurzarbeit würde bedeuten, dass dann die komplette Produktion stillgelegt werden müsste", sagte er. Dies hätte gravierende Folgen für die Wirtschaft in Deutschland, für Zulieferer, abhängige Unternehmen, für viele Familien in der strukturschwachen Region.

Lieferstopp im Supermarkt oder massive Umweltschäden?

Seit Wochen verhandelt das Unternehmen mit der sächsischen Landesregierung - und die macht sich wiederum in Berlin für Hilfen stark, wie der Mitteldeutsche Rundfunk berichtete. Denn nahezu jeder Lastwagen der Speditions-, Logistik und Transportbranche in Deutschland fährt mit Diesel und benötigt AdBlue. "Die Fahrzeuge bringen auch die Lebensmittel in die Supermärkte", sagte der Sprecher von SKW. Damit trifft der Mangel und die hohen Preise am Ende wieder die Verbraucher. 

Oder werden gleich einige Produkte knapp? Denn wenn kein AdBlue zu bekommen ist, stehen die Lkw still. Die SKW Piesteritz hatten zuletzt nur noch rund eine Million Liter AdBlue übrig, wie der SKW-Sprecher zu Reuters sagte. Nach Angaben des Konzerns benötigt die Logistik in Deutschland aber allein 2,5 Millionen Liter AdBlue pro Tag, alle Pkw fünf Millionen Liter pro Tag. 

Vor dem Szenario warnt auch Georg Mayer, Transportunternehmer aus Maxhütte-Haidhof im Landkreis Schwandorf, gegenüber dem Bayerischen Rundfunk. Auch seine AdBlue-Reserven gingen zur Neige, Zusagen für Liefermengen bekomme er derzeit nicht. Technisch wäre es möglich, dass Lkw auch ohne AdBlue weiterfahren - dazu müsste aber die Software der Fahrzeuge verändert werden. Außerdem müssten die gesetzlichen Regelungen angepasst werden. Ob die Grünen sich jedoch darauf einlassen würden, ist unklar: Schließlich würde ohne AdBlue der Ausstoß schädlicher Stickoxide massiv ansteigen.

Von anderer Seite kommt hingegen weniger dramatische Worte: Bei BASF, einem anderen großen Produzenten von AdBlue in Deutschland, sehe man zwar auch ein "schwieriges Marktumfeld", wie ein Sprecher gegenüber Spiegel Online sagte, dennoch laufe die Produktion uneingeschränkt weiter. Auch der ADAC sieht aktuell auf dem Markt keine Knappheit beim Kraftstoffzusatz Adblue. Bevor eine flächendeckende Verknappung eintrete, müsse die Industrie auch bei hohen Gaspreisen eine Versorgung mit Adblue sicherstellen, sagte eine ADAC-Sprecherin am Donnerstag. Das Wirtschaftsministerium selbst sieht keinen Grund für Panik.  Es gebe mehrere Produzenten von AdBlue, auch ein Import sei möglich. Dabei sind die Möglichkeiten aber eingeschränkt: AdBlue wird derzeit nur in Europa produziert. rowa/mit dpa