Auch in der Fraktionssitzung gab es Kritik, vor allem viele ostdeutsche Abgeordnete meldeten sich nach Angaben von Teilnehmern zu Wort. Fraktionsvizechef Günter Krings sprach hinterher von «anderthalb Dutzend Fragen», die «durchweg auch kritisch waren». «Da ist auch Frust», sagte er Welt-TV. Sein Amtskollege Mathias Middelberg (CDU) sagte dem Sender: «Der Bundeskanzler ist damit auch wirklich konstruktiv und vor allen Dingen ehrlich umgegangen. Er hat selber Fehler eingeräumt.»
Frei bestritt aber einen Autoritätsverlust des Kanzlers. «Ich sehe den Autoritätsverlust nicht. Ich würde es auch nicht für gut ansehen, dass man einfach sagt: Klappe halten, dazu sagen wir nichts. Es spricht für unsere Partei, dass wir Probleme, die da sind, offen ansprechen können», sagte er im ZDF.
Rückkehr in die Fraktionsführung nach 15 Monaten
Frei war schon nach der Bundestagswahl im vergangenen Jahr als Chef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Gespräch, wurde dann aber von Merz ins Kanzleramt geholt. Dort stand er lange Zeit in der Kritik. Sowohl aus beiden Koalitionsparteien als auch aus den Ländern wurde ihm mangelnde Koordination der Zusammenarbeit vorgeworfen, auch wenn sich das in den vergangenen Monaten besserte.
Nun kehrt Frei in gewohnte Gefilde zurück. Der Jurist gehört seit 2013 dem Bundestag an, wo er 2021 Parlamentarischer Geschäftsführer unter Fraktionschef und Oppositionsführer Merz wurde. Frei kennt die Fraktionsarbeit also gut und gilt gleichzeitig als Vertrauter von Merz.
Frei will Fraktion «selbstbewusste Stimme» geben
In seiner neuen Funktion muss er aber auch dem Anspruch der 208 Abgeordneten von CDU und CSU gerecht werden, dass die Fraktion ein selbstbewusstes Machtzentrum neben dem Kanzleramt ist. Sie erwarten von ihm, dass er dem Kanzler bei aller Loyalität auch klare Kante zeigen kann.
In diesem Sinne wertete Frei sein gutes Wahlergebnis als Vertrauensvorschuss: Er sehe es als «Vertrauensbeweis und auch als Rückenstärkung» für kommende Herausforderungen. Der Fraktion wolle er eine «eigene, selbstbewusste Stimme» geben, kündigte der CDU-Politiker an. «Es bleibt unser Ehrgeiz, die guten Gesetze der Bundesregierung hier im Parlament noch besser zu machen.»
Spahn wählt seinen Nachfolger nicht mit
Auslöser der Personalrochade war, dass Spahn Mitte Juli öffentlich machte, dass er und sein Ehemann Daniel Funke mit Hilfe einer Leihmutter in den USA ein Kind bekommen haben. Damit umgingen die beiden ein in Deutschland geltendes Verbot und einen Parteitagsbeschluss der CDU. Spahn trat nach scharfer Kritik aus der Union und einer Aufforderung des Kanzlers als Fraktionschef zurück.
Bei der Wahl seines Nachfolgers war Spahn nicht dabei. Er ist seit seinem Rücktritt für die Öffentlichkeit abgetaucht. Anfragen, ob er sein Bundestagsmandat behalten werde, wurden auch von seinem Bundestagsbüro bisher nicht beantwortet. Söder zeigte sich aber sicher, dass es für ihn ein politisches Comeback geben wird. «Ich glaube, dass der Weg von Jens Spahn noch nicht beendet ist», sagte der bayerische Ministerpräsident. «Denn jemand mit solchen Talenten und so einer politischen Kraft, der wird sicher irgendwann wieder eine führende Rolle übernehmen.»
Acht Personalwechsel in eineinhalb Wochen
Insgesamt hat Merz in den vergangenen eineinhalb Wochen seit Spahns Rücktritt acht Personalwechsel in Regierung, Partei und Fraktion verfügt. Die drei neuen Bundesminister wurden am Mittag von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ernannt:
- Die bisherige Gesundheitsministerin Nina Warken löst Frei im Kanzleramt ab.
- An die Spitze des Gesundheitsministeriums tritt Linnemann, der bisher CDU-Generalsekretär war.
- Für den vom Kanzler entlassenen Schnieder kommt Steffen Bilger, der bisherige Erste Parlamentarische Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag war.
Auch drei Parlamentarische Staatssekretäre werden ausgetauscht und die bisherige CDU-Schatzmeisterin Franziska Hoppermann ist bereits am Montag zur neuen Generalsekretärin ihrer Partei gewählt worden.
Fünf Personalien müssen noch geklärt werden
Ganz beendet ist die Rochade aber auch jetzt noch nicht.
- Merz sucht noch nach einer neuen Staatsministerin für Sport im Kanzleramt. Wer es wird, gilt als offen. Bisher war dafür nur die Ex-Fußballerin Nadine Keßler im Gespräch.
- Die CDU muss nach der Beförderung von Franziska Hoppermann ihren bisherigen Schatzmeister-Posten neu besetzen.
- Die Fraktion benötigt nach dem Wechsel Bilgers ins Kabinett einen neuen Parlamentarischen Geschäftsführer. Auch für den neuen Gesundheitsminister Linnemann (bisher Fraktionsvize) und Johannes Steiniger (bisher Sprecher Landwirtschaft/künftig Parlamentarischer Staatssekretär im Wirtschaftsministerium) müssen Nachfolger gefunden werden.
Merz geht in den Urlaub
Wann die letzten Personalien geklärt werden, ist noch unklar. Merz hofft nun, dass sich der Unmut über den Sommer legt. Nach der Fraktionssitzung und der Amtsübergabe von Frei zu Warken im Kanzleramt wollte er in den Urlaub starten.