Neue Partnerschaften in einer neuen Weltordnung
Dass Merz das Land nun zur Nummer eins macht, hat vor allem mit dem aktuellen Umbruch der Weltordnung zu tun. Auf bewährte Allianzen wie das transatlantische Bündnis zwischen Europa und Nordamerika ist immer weniger Verlass. Deutschland ist daher bemüht, seine Partnerschaften breiter aufzustellen und Abhängigkeiten von einzelnen Großmächten zu verringern - vor allem von den USA im Sicherheitsbereich und China bei der wirtschaftlichen Zusammenarbeit.
Mit der Wahl Indiens als erstem Reiseziel will Merz diesem Anspruch gerecht werden. Indien hat China inzwischen als bevölkerungsreichstes Land der Erde abgelöst und ist die Nummer fünf unter den stärksten Volkswirtschaften.
Indien weiterhin eng mit Russland verflochten
Es ist aber auch ein Land, das sich «zwischen den Welten» bewegt und sowohl zu Russland als auch zu westlichen Ländern enge Beziehungen pflegt. Modi hat den russischen Präsidenten Wladimir Putin erst im Dezember in Neu-Delhi empfangen und ist über die Brics-Staatengruppe mit Russland verbunden.
Indien bezieht weiterhin in großem Stil russisches Öl, und mit den Einnahmen finanziert Putin seinen Krieg gegen die Ukraine. Indien hat diesen Krieg anders als die meisten anderen Länder in der UN-Vollversammlung nicht verurteilt, könnte aber vielleicht mit seinen Kontakten nach Russland hilfreich bei den diplomatischen Bemühungen um ein Ende des Krieges sein. Um all das wird es beim Besuch des Kanzlers gehen.
Rüstung: Indien will deutsche U-Boote
Zu den engen Bindungen Indiens zu Russland gehört auch, dass die indischen Streitkräfte immer noch überwiegend von Moskau ausgerüstet werden. Deutschland würde gerne dazu beitragen, dass sich das ändert. So verhandelt Thyssenkrupp Marine Systems derzeit über den Verkauf von sechs U-Booten an die indische Marine. Auch am Transportflugzeug Airbus A400M gibt es in Indien Interesse.
Zu konkreten Abschlüssen wird es beim Besuch des Kanzlers wohl nicht kommen. Es soll aber eine Absichtserklärung der beiden Verteidigungsministerien zur Stärkung der Kooperation der Rüstungsunternehmen beider Länder unterzeichnet werden.
Wirtschaft: Warten auf das Freihandelsabkommen
Auch eine verstärkte wirtschaftliche Zusammenarbeit könnte dazu beitragen die Bindungen Indiens zu Russland zu lösen. An dieser Stelle ist noch Luft nach oben. Indien ist unter den deutschen Handelspartnern nur auf Platz 23. «Angesichts seiner wirtschaftlichen Dynamik, der jungen Bevölkerung und der wachsenden industriellen Basis gewinnt Indien für unsere Unternehmen rasant an Relevanz», sagt der Außenwirtschaftschef der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), Volker Treier.
Einen Schub nach vorn würde der Abschluss eines Freihandelsabkommens zwischen der EU und Indien bringen. Die Verhandlungen darüber begannen vor 18 Jahren und wurden zwischendurch für mehrere Jahre unterbrochen. Ein Abschluss bei dem für Ende Januar geplanten EU-Indien-Gipfel ist bisher noch nicht in Sicht.
Fachkräfte: Deutlicher Anstieg bei der Anwerbung
Daneben wird es auch wieder um die Anwerbung von Fachkräften aus Indien gehen, für die schon die Ampel-Regierung im Oktober 2024 eigens eine Strategie beschlossen hat. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Inder in Deutschland ist zwischen 2015 und 2025 nach Angaben der Bundesanstalt für Arbeit von knapp 25.000 auf knapp 170.000 gestiegen. Und mit knapp 60.000 kommt die größte Gruppe ausländischer Studentinnen und Studenten aus Indien.