Das nordirische Verkehrsunternehmen Translink kündigte etwa an, Bus- und Zugverbindungen am Abend einstellen zu wollen, die Polizei ist zudem mit verstärkter Präsenz in der Stadt. Die Familie des bei der Messerattacke schwer verletzten Mannes rief indes laut britischen Medien dazu auf, die «schreckliche Tragödie» nicht für Feindseligkeiten auszunutzen.
Ein seit 2013 in Belfast lebender Mann mit Migrationshintergrund schilderte der Nachrichtenagentur PA, seine drei Kinder hätten während der Krawalle «große Angst» gehabt. «Wir wissen nicht, was wir tun sollen. Ich habe Angst. Wenn ich das sehe, frage ich mich, ob ich der Nächste bin», sagte er den Angaben nach.
Ein anderer Bewohner schilderte, wie sein Haus während der Ausschreitungen vollständig zerstört worden war. «Es ist zerstört, von oben bis unten komplett zerstört», sagte er. «Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.»
Der nordirische Polizeichef Jon Boutcher sprach bei der BBC von «hirnlosen Idioten, die damit nur ihre eigene Zukunft ruinieren». «Letzte Nacht haben wir so viele Familien gerettet», sagte er, darunter auch ein zwei Monate altes Baby.
Angestachelt durch soziale Medien
Rechtsextreme und rassistische Krawalle sind in Großbritannien traurigerweise nichts Neues. Auch im benachbarten kam es im November 2023 zu ähnlichen Ausschreitungen. Eine Schlüsselrolle spielen dabei meist soziale Medien, wie auch die Labour-Abgeordnete Anna Turley gegenüber Times Radio sagt. Es gebe «böswillige Akteure, die oft viele, viele Kilometer entfernt sitzen. Es ist für sie ein Leichtes, diese Dinge anzufachen», sagte Turley.
Unter anderem US-Techmilliardär Elon Musk teilte im Vorfeld der Proteste zahlreiche Beiträge zu dem Messerangriff und rief etwa dazu auf, an den Protesten teilzunehmen. Agitatoren in sozialen Medien sollten sich nach der Gewalt in Belfast «von ihren Tastaturen fernhalten», warnte die nordirische Justizministerin Naomi Long.
Erst in der vergangenen Woche kam es in der südenglischen Stadt Southampton zu Krawallen am Rande eines Protests. Auslöser war die Veröffentlichung von Bodycam-Aufnahmen, die einen krassen Polizeifehler nach der tödlichen Messerattacke eines Manns aus der Sikh-Gemeinschaft auf den Studenten Henry Nowak zeigten.
Zuvor waren zahlreiche Menschen - wie auch am Dienstag - einem Protestaufruf des Rechtsextremen Tommy Robinson gefolgt. Robinson, der eigentlich Stephen Yaxley-Lennon heißt, ist einer der bekanntesten Rechtsextremen Großbritanniens und mehrfach vorbestraft.
Eine Schlüsselrolle spielte er auch 2024, als es in England und Nordirland wochenlang zu rassistisch motivierten Ausschreitungen kam. Zum Anlass hatten die Krawallmacher damals den Mord an drei Mädchen im nordenglischen Southport genommen. Zuvor kursierten Gerüchte, es handle sich bei dem Täter um einen muslimischen Asylbewerber. Indessen war es ein in Großbritannien geborener Mann mit ruandischen Wurzeln.
In Nordirland haben gewaltsame Auseinandersetzungen eine traurige Tradition. Etwa drei Jahrzehnte lang standen sich im nordirischen Bürgerkrieg die meist katholischen Befürworter einer Vereinigung mit Irland den überwiegend protestantischen Anhängern der Union mit Großbritannien, Polizei und britischer Armee gegenüber.
Die «Troubles» endeten erst 1998 mit dem Karfreitagsabkommen. Bis heute bestehen trotzdem Segregation, territoriales Denken, paramilitärische Reststrukturen und Misstrauen gegenüber der Polizei als trauriges Erbe des Krieges fort.