Zwar gibt es sie vereinzelt, die Menschen, die es derzeit etwa aufgrund des KI-Booms ganz weit nach oben auf der Karriereleiter schaffen. Viele andere kämpfen allerdings damit, überhaupt über die Runden zu kommen. Amerikanischer Traum bedeute für sie «leben, Essen kaufen, seine Rechnungen bezahlen können», sagt die 51-jährige Janis aus Philadelphia. «Das ist heutzutage so schwer.»
Chancen für alle, unabhängig von Herkunft und Hautfarbe?
Hohe Verbraucherpreise sind Ökonomen zufolge auch auf rückläufige Migrationszahlen zurückzuführen. Menschen aus dem Ausland, die willig sind, für weniger Geld zu arbeiten als viele Amerikaner, bilden einen bedeutenden Teil der Arbeiterbasis in den USA. Angesichts der restriktiven Migrationspolitik von Präsident Donald Trump machen solche Arbeitskräfte aber mittlerweile verstärkt einen Bogen um die USA. Da Firmen, Farmer und Restaurants für Personal höhere Löhne zahlen müssen, verteuern sich Produkte und Dienstleistungen weiter. Mehr Ausgaben erschweren wiederum Rücklagen.
Trump versuchte zudem, das in der US-Verfassung verankerte Geburtsrecht drastisch einzuschränken. Gleich zu Beginn seiner zweiten Amtszeit unterzeichnete er dazu eine Anordnung – doch das oberste US-Gericht machte ihm jüngst einen Strich durch die Rechnung. Kinder, die in den Vereinigten Staaten zur Welt kommen, erlangen weiterhin automatisch die US-Staatsbürgerschaft, entschied der Supreme Court. Das gilt auch für Kinder von Eltern, die sich illegal oder nur vorübergehend in den USA aufhalten.
Wenige Tage vor dem 250. Gründungsjubiläum der USA bestätigte das Gericht damit ein zentrales Versprechen für alle im Land Geborenen. «Damals wie heute bedeutet Staatsbürgerschaft das Recht, Rechte zu haben – frei an unserer politischen Gemeinschaft teilzunehmen», schrieb der Vorsitzende Richter, John Roberts, in der Urteilsbegründung.
Bereits vor gut 60 Jahren mahnte der US-Bürgerrechtler Martin Luther King die Gleichberechtigung aller Amerikaner an: «Ich habe den Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einem Land leben werden, in dem sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt werden», sagte er 1963 vor dem Lincoln Memorial in Washington.
Mit seiner Vision der Gleichheit von Schwarzen und Weißen schrieb King Geschichte und traf den wunden Punkt. Damals war das Land durch staatlich verordnete Trennung, tief sitzenden Rassismus und die systematische Benachteiligung der schwarzen Bevölkerung gespalten.
Zwar folgten historische Errungenschaften wie der Voting Rights Act von 1965 zur Absicherung des Wahlrechts für Minderheiten. Mit seinem jüngsten Urteil zur Neuzeichnung von Wahlkreisen hat der Supreme Court den Schutz von Minderheiten bei der Wahlkreisgestaltung allerdings wieder geschwächt.
Amerikanischer Traum als «erstrebenswertes Ideal»
Im Jubiläumsjahr 2026 hat der Optimismus in den USA tiefe Risse. Weniger als die Hälfte der befragten Amerikaner (46 Prozent) glaubt überhaupt noch an eine Chancengleichheit für alle im Land, wie eine repräsentative Umfrage des Milken Center for Advancing the American Dream zeigt.
Zugleich sind 58 Prozent der Meinung, der amerikanische Traum sei 250 Jahre nach der Unabhängigkeit der USA noch nicht vollendet. 78 Prozent halten es weiter für wichtig, nach ihm zu streben. Die Autoren der Milken-Studie folgern aus den Daten, viele Menschen in den USA glaubten weiterhin an den amerikanischen Traum – als «erstrebenswertes Ideal». Ob er sich aber heute für den Einzelnen noch verwirklichen lässt, diese Zuversicht hat nachgelassen.
«Man muss heute so hart arbeiten. Manchmal muss man sogar zwei Jobs haben», sagt Janis aus Philadelphia. Alles sei teurer geworden, bemängelt sie. «Das ist schrecklich.»