Die Welt ist kompliziert genug. Das Haus der Geschichte erzählt Deutschland in seiner neuen Ausstellung nun zugänglicher und aktueller – bis hin zu «Klimaklebern». Selbst die Mauer wurde verschoben.
Es ist schade, dass Friedrich Merz das nicht sieht. Der Bundeskanzler, der in seinem Politikerleben schon so manche verästelte Entscheidungsfindung miterlebte, könnte in der neuen Dauerausstellung des Hauses der Geschichte einen Akt radikaler Vereinfachung erleben.
«Welche Forderung finanzierst Du?» steht als Frage an der Wand. Es gibt nur drei Auswahlmöglichkeiten: «Militär stärken», «Wildtiere schützen» – oder beides je zur Hälfte. Die Besucher nehmen in Original-Bundestagsmobiliar Platz, stimmen ab – und schwups, schon liegt das Ergebnis vor. So rasant fühlt sich Politik sonst eher selten an.
Was spielerisch wirkt, ist Teil eines grundsätzlichen Neuanfangs. Die Dauerausstellung des Hauses der Geschichte in Bonn, ein zentraler Erinnerungsort des Landes, ist vollständig neu konzipiert worden - und lässt ihre Besucher nun richtig mitmachen. Die fiktive Abstimmung im Bundestag ist Teil davon.
Die Idee dahinter: Die deutsche Nachkriegsgeschichte soll fortan zugänglicher, weniger verschachtelt und insgesamt gegenwärtiger erzählt werden - mit viel mehr Möglichkeiten, Politik intuitiv zu erleben. Am Montag wird sie feierlich eröffnet. Eigentlich sollte Merz kommen, der aber kurzfristig absagen musste. Die Festrede hält Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos). Er jubiliert:
«Liebe Bundesrepublikaner, es ist wirklich ein Tag der Freude.»
Umbau nach 30 Jahren
Wer das Wort Dauerausstellung hört, bekommt gleichwohl nicht direkt Gänsehaut. Warum ist sie also wichtig? Dazu kann man sich die Dimension vergegenwärtigen. Das Haus der Geschichte sammelt Dinge - sehr viele Dinge. Mehr als eine Million Objekte hat es in der Sammlung, vom Füller, den Wolfgang Schäuble 1990 zur Unterzeichnung des Einigungsvertrags nutzte, bis hin zu Flipperautomaten. Damit soll die Geschichte seit 1945 erfahrbar gemacht werden. Das Interesse daran ist groß - durch die alte Ausstellung streiften seit der Eröffnung 1994 mehr als 14 Millionen Besucher.
Zugleich hatte die alte Schau eine große Unwucht. Nach dem Mauerfall (1989) war man fast schon am Ausgang angelangt - die räumliche Aufteilung der Epochen sah es so vor. 2024 beanspruchten die 35 Jahre nach dem Fall der Mauer so viel Fläche wie die ersten vier Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Für viele Jüngere wirkte das befremdlich.
Die Neugestaltung, die mit einem Budget von 25 Millionen Euro Sondermitteln ermöglicht wurde, ist daher kein kosmetischer Umbau, sondern eine neue Perspektive. Die erzählt zugleich viel darüber, wie sich Deutschland heute sieht oder zumindest sehen will.