Völkerrechtsanwalt Philippe Sands fordert ein Ende der «Debattenbeschränkungen» in Deutschland. Verbrechen zu benennen, sei nicht antisemitisch, sagt der Nachfahre von Holocaustüberlebenden.
Friedenspreisträger Philippe Sands hat Deutschland «unanständiges Schweigen» im Umgang mit Israel vorgeworfen. Völkerrechtsverletzungen müssten klar benannt werden - gerade unter Freunden. «Es ist nicht antisemitisch. Es ist nicht Anti-Israel. Es ist die Wahrheit», sagte der französisch-britische Jurist, Autor und Nachfahre von Holocaustüberlebenden in seiner Dankesrede in der Frankfurter Paulskirche.
Sands erhielt die mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung in Anwesenheit von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse - für seinen Einsatz «für Gerechtigkeit, Frieden und die beharrliche Verteidigung des Völkerrechts», wie es in der Urkunde heißt. Er ist Professor in London und arbeitet am Internationalen Gerichtshof in Den Haag.
Beschränkte Debatten
Die Frage, ob Israel an den Palästinensern einen Genozid verübe oder nicht, sei «ein nutzloses Ablenkungsmanöver», sagte Sands: «Es gibt keine Hierarchie unter den verschiedenen Völkerstraftaten.»
Sie müssten angeprangert werden «und diejenigen, die anprangern - ganz gleich, welche Bezeichnung sie verwenden -, sollten nicht zum Schweigen gebracht, ausgeschlossen oder bestraft werden, nur weil sie ihre Rede- und Meinungsfreiheit ausüben», sagte Sands. Die «Debattenbeschränkung» in Deutschland sei «beunruhigend».
«Deutschland kennt sich aus mit ethnischen Säuberungen»
Sands sagte: «Die Tatsache der Verbrechen zum Schweigen zu bringen ist unanständig. Diejenigen zum Schweigen zu bringen, die versuchen, die Verbrechen anzuprangern, ist unanständig.» Deutschland habe viele Gräuel angeprangert. «Doch zu Israel, zum Gazastreifen und zum Westjordanland ist das deutsche Schweigen bis heute laut.»
Viele Staaten hätten inzwischen Palästina als Staat anerkannt, Sanktionen verhängt oder das Handeln Israels in den besetzen Gebieten als ethnische Säuberungen bezeichnet, sagte Sands. «Deutschland kennt sich aus mit ethnischer Säuberung. Warum dann das Schweigen?»
Sands: «Eine echte Staatsräson» müsse das Schweigen brechen
Eine echte Staatsräson für Deutschland müsse das Schweigen über Völkerstraftaten brechen, sagte Sands - «wo auch immer sie geschehen und durch wen auch immer sie begangen werden, auch wenn es Freunde, vor allem, wenn es Freunde sind». Unter Applaus sagte er: «Schweigen ist nicht der Weg. Nicht für eine Familie. Nicht für eine Gemeinschaft. Nicht für ein Land.»