Hüller spielt Erika mit bemerkenswerter Zurückhaltung. In ihrem Blick liegen Skepsis, Erschöpfung und eine beinahe schmerzhafte Klarheit. Hüller macht Erika nicht zur bloßen Begleiterin des großen Schriftstellers, sondern zur emotionalen Hauptfigur des Films.
Auch Klaus steht in einem ambivalenten Verhältnis zu seinem Vater: Bewunderung und Zuneigung verbinden sich mit Entfremdung. Während Erika versucht, ihrem Vater nahe zu bleiben, findet Klaus keinen Weg aus dem Schatten des übermächtigen Schriftstellers. Beide tragen die Brüche einer Familie, deren Welt aus den Fugen geraten ist.
«Ich liebe Thomas Mann jetzt wegen Hanns Zischler»
Zischler begegnet Hüller als Thomas Mann auf Augenhöhe: würdevoll, müde, bisweilen selbstgerecht und spürbar belastet vom Gewicht seines Namens. Er macht aus dem Literaturnobelpreisträger kein Denkmal, sondern einen widersprüchlichen Mann, der sich in seiner intellektuellen Welt eingerichtet hat.
Hüller, die Thomas Mann vor den Dreharbeiten als zu kühl und zu intellektuell empfand, sagt nach der Zusammenarbeit einen bemerkenswerten Satz: «Ich liebe Thomas Mann jetzt wegen Hanns Zischler.» Viel besser lässt sich Zischlers Leistung kaum beschreiben.
Diehl gibt Klaus Mann eine schmerzhafte Verletzlichkeit. Schon in seinem Blick liegt die Erschöpfung eines Manns, der mit seiner Zeit und sich selbst keinen Frieden findet.
Zwischen Micky Maus und Stalin
Zu den eindringlichsten Szenen des Films zählt gleich der Auftakt: Klaus sitzt nackt auf dem Boden, fiebrig und erschöpft, und telefoniert mit seiner Schwester. «Wir sind Abfall», sagt er. Später bringt er seine politische und persönliche Orientierungslosigkeit auf die Formel «Mickey oder Stalin».
Zwischen den politischen und gesellschaftlichen Fronten seiner Zeit scheint er keinen Platz mehr für sich zu finden. In seiner Verzweiflung spiegelt sich die Erfahrung einer Generation, die an politische Ideen geglaubt hat und von ihnen enttäuscht wurde.
Klaus nimmt sich am 21. Mai 1949 in Cannes das Leben - im Film, während sein Vater und seine Schwester auf Deutschlandreise sind. Die Nachricht von seinem Tod löst einen Gefühlsausbruch aus - einer der seltenen Momente, in denen Erika ihre Fassung verliert.
Die Kraft des Ungesagten
Pawlikowski erzählt kein klassisches Biopic über Thomas Mann. Er nimmt einige Tage im Jahr 1949 und macht daraus ein Brennglas für eine ganze Epoche: für ein Deutschland zwischen Ruinen und Neubeginn, für Exil und Heimkehr, für die Schwierigkeit, eine Heimat wiederzufinden, die nicht mehr dieselbe ist.
Vor allem aber ist «Vaterland» ein Film über eine Familie, die mit den politischen und moralischen Erschütterungen ihrer Zeit ringt. In den Auseinandersetzungen zwischen Thomas Mann und seinen Kindern steckt eine Frage, die weit über 1949 hinausreicht: Wie bleibt man sich treu, wenn politische Gewissheiten zerbrechen?
«Vaterland» ist ein Film, der seine Gefühle nicht ausstellt, sondern zurückhält - bis man sie umso stärker spürt.