Wirtschafts-Talk bei Maischberger: "Wir hatten 20 goldene Jahre. Kommen die wieder? Nein."

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Herbert Diess (links) und Claus Ruhe Madsen sprachen bei Sandra Maischberger über den Wirtschaftsstandort Deutschland.
WDR / Oliver Ziebe
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Herbert Diess (links) und Claus Ruhe Madsen sind sich einig, dass Deutschland innovationsfreundlicher werden müsse.
WDR / Oliver Ziebe

Sie sind Wirtschaftsexperten, Ex-VW-Chef Herbert Diess und der schleswig-holsteinische Wirtschaftsminister Claus Ruhe Madsen von der CDU. Und sie haben zwei Ideen, wie die deutsche Wirtschaft gerettet werden könnte. Am Dienstagabend sind sie zu Gast bei Sandra Maischberger in der ARD.

75 Prozent der Bundesbürger sind laut einer INSA-Umfrage unzufrieden mit dem Krisenmanagement der Bundesregierung. Hintergrund: Die immer noch schwächelnde Wirtschaft im Allgemeinen und die hohen Spritpreise im Besonderen. Claus Ruhe Madsen ist einer der bekanntesten Landeswirtschaftsminister in Deutschland.

Der schleswig-holsteinische CDU-Politiker hatte sich für den Bau einer Batteriefabrik nahe der Stadt Heide an der Westküste des Bundeslandes stark gemacht, die von dem schwedischen Unternehmen Northvolt gebaut werden sollte. Nach dessen Insolvenz hatte das amerikanische Unternehmen Lyten angekündigt, die Standorte von Northvolt zu übernehmen. In dieser Woche gab es erste Gespräche mit Kommunalvertretern, der Landesregierung in Kiel und Lyten-Chef Dan Cook. Lyten will die Fabrik bauen, die 2028 an den Start gehen soll. Allerdings sollen statt der ursprünglich geplanten 3.000 nur noch 1.000 neue Jobs entstehen.

Fix ist nix, klagt die Opposition, aber der Wille scheint da zu sein. Madsen ist froh und am Dienstagabend Gast bei Sandra Maischberger in der ARD. Wo er sich mit Ex-VW-Chef Herbert Diess darüber unterhalten soll, wie es wieder aufwärts geht in Deutschland.

Herbert Diess: "VW steht immer noch gut da"

"Wir müssen Entscheidungen treffen in einer Welt voller Wandel", sagt Madsen. Diess fügt hinzu, dass angesichts der steigenden Benzinpreise der Wandel hin zu Elektrofahrzeugen schneller kommen müsse. Und er fordert, über die Subventionen für Dieselkraftstoff nachzudenken, also sie zu senken oder ganz abzuschaffen. Dies würde jedoch ausschließlich die Land- und Forstwirtschaft betreffen. Steuersenkungen für günstigere Spritpreise lehnt er ab.

Das sieht Madsen etwas anders. Schleswig-Holstein zum Beispiel ist ein eher ländlich orientiertes Bundesland. "Viele Menschen müssen pendeln", sagt Madsen. "Sie sind auf das Auto angewiesen, und natürlich muss es dort auch Lösungen geben." Für den CDU-Wirtschaftsminister wäre das eine stärkere Förderung erneuerbarer Energien.

Fakt ist: Die Autoindustrie in Deutschland hat Probleme. VW zum Beispiel. Das Unternehmen verzeichnete im vergangenen Jahr einen Gewinneinbruch von 44 Prozent auf 6,9 Milliarden Euro. 50.000 Jobs sollen dort nun wegfallen. Aber: "VW steht immer noch gut da", erklärt Diess. "VW hat in Europa eine Marktpräsenz von über 30 Prozent Marktanteil. Das ist ein historisches Hoch. Die Produkte funktionieren gut." Doch es gebe ein Problem.

Claus Ruhe Madsen: "Wir lassen in Deutschland keine ordentlichen Investitionen zu"

Laut Diess gibt es in dem Unternehmen zu viele Arbeitsplätze. VW habe in den 1980er- und 1990er-Jahren viele Menschen eingestellt und musste dann gegensteuern, erklärt Diess. Die Autoindustrie habe sich in den letzten 20 Jahren sehr verändert, vor allem durch die stärkere Nachfrage in China. "Das hat dazu geführt, dass die weltweite Industrie zugelegt hat. Wir hatten 20 goldene Jahre in der Autoindustrie. Kommen die wieder? Nein."

Das eigentliche Problem der Autoindustrie in Deutschland sieht Madsen in einer Tatsache: "Wir lassen in Deutschland keine ordentlichen Investitionen zu." In China und den Vereinigten Staaten sei autonomes Fahren erlaubt, in Deutschland nicht. "Das bedeutet, dass man hier in Deutschland Technologien entwickeln muss, die gar nicht zulässig sind. Das ist so, als würden Sie sagen: Milch zu trinken ist verboten. Und was glauben Sie, wie viele Milchbauern wir dann noch hätten?"

Der dänisch-deutsche Politiker ist überzeugt: "Wenn wir Technologien überhaupt nicht zulassen, müssen die Unternehmen sie woanders testen. Wo man testet, ist dann auch der Markt. Das ist eine große Gefahr. Wir brauchen mehr Technologie-Innovationen und dann auch das Zulassen, das Wagen, das morgen Annehmen, nicht immer im Gestern bleiben."

"VW hat so viel Marktanteil in Europa wie nie"

Auch Diess glaubt: "Andere Länder sind innovationsfreundlicher. Da könnten wir mehr tun. Aber in Summe wird unsere Autoindustrie mehr abgeschrieben. Man sagt, die geht unter. Aber das ist nicht so. Wenn man die Welt sieht, dann gibt es keine wirklichen Gewinner in diesem Spiel."

Auch anderen Unternehmen gehe es schlecht. Chinas VW-Konkurrent habe Verluste, Honda habe zum ersten Mal seit 70 Jahren weniger verdient, Nissan sei konkurs. Ford und General Motors hätten sich auf ihren Heimatmarkt zurückgezogen. "VW hat so viel Marktanteil in Europa wie nie. Der nächste Verfolger hat die Hälfte." Die Situation sei durch die neuen chinesischen Modelle angespannter geworden, aber die Industrie sei noch nicht untergegangen.

Da mag Diess recht haben. Dennoch sehen wir, dass immer mehr Jobs aus Deutschland in Richtung Osteuropa verschwinden. "Wir haben eine globalisierte Welt", sagt Madsen. "Die Frage ist: Wie viel Vertrauen setzen wir in diese globalisierte Welt? Was müssen wir eigentlich selber können? Wie viel Fähigkeiten und Schlüsseltechnologien haben wir?"

Diess fordert Optimismus ein: "Die Chancen sind da"

Man müsse sich Forschung und Innovation öffnen, anstatt ihr "immer mehr Auflagen, immer mehr Statistiken und Bürokratie" aufzubürden. Madsen fordert: "Wir müssen den Leuten Spaß am Unternehmertum geben, und dann werden sie auch nicht woanders hingehen. Wir müssen Gewinne möglich machen - und dass man Lust auf Deutschland hat." Deutschland sei besser als sein Ruf.

Diess bläst in dasselbe Horn. Zwar sei Deutschland ein Hochlohnland, trotzdem investiere Infineon, wo er jetzt im Aufsichtsrat sitzt, in eine Chipfabrik in Dresden. "In Deutschland kann man produzieren", ist Diess sich sicher. Das habe auch Infineon erkannt. Er selbst investiert mit seinem Unternehmen: "Wir machen das nicht aus Patriotismus, aus Zwang oder wegen Subventionen. Wir sind sicher, dass wir in Dresden die wettbewerbsfähigste 300-Millimeter-Halbleiterfabrik der Welt bauen können. Wir sind sicher, dass sich diese Investition in Deutschland lohnt."

Diess fordert ein Umdenken in Deutschland: "Wir müssen nach vorne denken und Zukunftsoptimismus entwickeln, und die Chancen dafür sind da. Auch für die Automobilindustrie."

Quelle: teleschau – der mediendienst