Das eigentliche Problem der Autoindustrie in Deutschland sieht Madsen in einer Tatsache: "Wir lassen in Deutschland keine ordentlichen Investitionen zu." In China und den Vereinigten Staaten sei autonomes Fahren erlaubt, in Deutschland nicht. "Das bedeutet, dass man hier in Deutschland Technologien entwickeln muss, die gar nicht zulässig sind. Das ist so, als würden Sie sagen: Milch zu trinken ist verboten. Und was glauben Sie, wie viele Milchbauern wir dann noch hätten?"
Der dänisch-deutsche Politiker ist überzeugt: "Wenn wir Technologien überhaupt nicht zulassen, müssen die Unternehmen sie woanders testen. Wo man testet, ist dann auch der Markt. Das ist eine große Gefahr. Wir brauchen mehr Technologie-Innovationen und dann auch das Zulassen, das Wagen, das morgen Annehmen, nicht immer im Gestern bleiben."
"VW hat so viel Marktanteil in Europa wie nie"
Auch Diess glaubt: "Andere Länder sind innovationsfreundlicher. Da könnten wir mehr tun. Aber in Summe wird unsere Autoindustrie mehr abgeschrieben. Man sagt, die geht unter. Aber das ist nicht so. Wenn man die Welt sieht, dann gibt es keine wirklichen Gewinner in diesem Spiel."
Auch anderen Unternehmen gehe es schlecht. Chinas VW-Konkurrent habe Verluste, Honda habe zum ersten Mal seit 70 Jahren weniger verdient, Nissan sei konkurs. Ford und General Motors hätten sich auf ihren Heimatmarkt zurückgezogen. "VW hat so viel Marktanteil in Europa wie nie. Der nächste Verfolger hat die Hälfte." Die Situation sei durch die neuen chinesischen Modelle angespannter geworden, aber die Industrie sei noch nicht untergegangen.
Da mag Diess recht haben. Dennoch sehen wir, dass immer mehr Jobs aus Deutschland in Richtung Osteuropa verschwinden. "Wir haben eine globalisierte Welt", sagt Madsen. "Die Frage ist: Wie viel Vertrauen setzen wir in diese globalisierte Welt? Was müssen wir eigentlich selber können? Wie viel Fähigkeiten und Schlüsseltechnologien haben wir?"
Diess fordert Optimismus ein: "Die Chancen sind da"
Man müsse sich Forschung und Innovation öffnen, anstatt ihr "immer mehr Auflagen, immer mehr Statistiken und Bürokratie" aufzubürden. Madsen fordert: "Wir müssen den Leuten Spaß am Unternehmertum geben, und dann werden sie auch nicht woanders hingehen. Wir müssen Gewinne möglich machen - und dass man Lust auf Deutschland hat." Deutschland sei besser als sein Ruf.
Diess bläst in dasselbe Horn. Zwar sei Deutschland ein Hochlohnland, trotzdem investiere Infineon, wo er jetzt im Aufsichtsrat sitzt, in eine Chipfabrik in Dresden. "In Deutschland kann man produzieren", ist Diess sich sicher. Das habe auch Infineon erkannt. Er selbst investiert mit seinem Unternehmen: "Wir machen das nicht aus Patriotismus, aus Zwang oder wegen Subventionen. Wir sind sicher, dass wir in Dresden die wettbewerbsfähigste 300-Millimeter-Halbleiterfabrik der Welt bauen können. Wir sind sicher, dass sich diese Investition in Deutschland lohnt."
Diess fordert ein Umdenken in Deutschland: "Wir müssen nach vorne denken und Zukunftsoptimismus entwickeln, und die Chancen dafür sind da. Auch für die Automobilindustrie."
Quelle: teleschau – der mediendienst